Aufsatz 
Die Bedeutung des Namens im Kult und Aberglauben : ein Beitrag zur vergleichenden Volkskunde / von Wilhelm Schmidt
Entstehung
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Stelle soll die Seele der in der Fremde Gefallenen abgerufen wer- den¹; sie wird dadurch gezwungen, dem Freund in die Heimat zu folgen und Besitz zu ergreifen von dem leeren Grabmal, das sie erwartet. Der Grundgedanke ist aber doch in beiden Fällen derselbe: der dreimalige Ruf, richtig vollzogen, zwingt die Seele herbei.

Noch andere interessante Bräuche wurzeln in diesem Glauben, der sich bei den meisten Völkern zu finden scheint. Bei den Koriäken besteht bei der Namengebung folgende Sitte: nachdem sich die Vornehmen des Stammes und die Verwandten versammelt, hängt die Hebamme an einem fusshohen Holzgestelle eine Glas- perle an einem Faden auf und beginnt dann langsam die Namen beliebter verstorbener Männer oder Weiber des Stammes je nach dem Geschlecht des Kindes herzusagen. Bei welchem Namen die Kugel durch Zufall in Bewegung gerät, der wird dem Kinde gegeben. Die Koriäken sind überzeugt, dass der beliebte Verstorbene die Kugel bewegt und dadurch zu erkennen gibt, dass das Glück, dessen er sich auf Erden erfreuen durfte, nun auch auf das Kind übergehen soll. Er ist in dem Kinde neu geboren, sein Name wird ihm darum gegeben, und damit findet gleichsam der Übergang derSeele statt;insofern ist dieSeelen- wanderung eine Anschauungsform ursprünglichen Denkens 3.

Die Meinung, dass man mit dem Namen zugleich den also Benannten in seiner Zaubergewalt hat, zeigt sich auch in ver- schiedenen, in einigen Gegenden Deutschlands gebräuchlichen Arten, durch die man über einen Dieb Gewissheit erlangen will: in der Pfalz z. B. lässt man ein Wagenrad sich drehen und nennt Namen; bei dem richtigen steht es still. In Ostpreussen hängt man an den Griff eines Erbschlüssels, den man in ein Erbbuch gesteckt, am Rand eines Tisches ein Erbsieb und nennt die Namen der verdächtigen Personen; bei dem richtigen Namen bewegt sich das Siebö. Es handelt sich hier zwar um einen Lebenden, aber es ist auch gleichsam sein Geist, den der angerufene Name herbei- zwingt. Diesem Gedankenkreis ist auch folgender naive Glaube eng verwandt: wenn man den Kittel eines Menschen, gegen den

Rohde I 66.

Andree 171.

Dieterich Kl. Schr. 315; vgl. oben S. 26. Wuttke 370.

Wuttke 369; vgl. 368.

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