Aufsatz 
Die Bedeutung des Namens im Kult und Aberglauben : ein Beitrag zur vergleichenden Volkskunde / von Wilhelm Schmidt
Entstehung
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die Verordnung auf ein Papier und lässt dessen Asche in Wasser einnehmen.

Die soeben berührte Anschauung, dass man in und mit dem Namen des Geistes zugleich dessen Macht in sich aufnimmt und damit auch die Macht über ihn gewinnt, lenkt unsere Aufmerk- samkeit auf die Wichtigkeit der Kenntnis dieses Namens.

2.

Den Geistern gegenüber verleiht die Kenntnis des Namens Macht. Denn wie für die Götter selbst der Name von aller- höchster Wichtigkeit ist, wie er den ganzen Inhalt ihrer Offen- barung ausmacht, so kann auch nur der, der ihren Namen kennt, auf sie wirken und sie richtig anbeten?. Diese arabische An- schauung gilt auch ganz entsprechend für die Inder, Mohamme- daner und Agypters. Die Mohammedaner glauben auch, dass der„grosse Name“ Gottes(nicht Allah, was ja nur Beiname ist) allein den Aposteln und Propheten bekannt sei und ihnen die Kraft verleihe, Lebendige zu töten, Tote zu erwecken und jedes andere Wunder zu tun4. Mit Hilfe des Namens vermag man eben den Gott zum Beistand zu bewegen. Dass solche Gedanken auch dem hochstehenden Gottesglauben des jüdischen Volkes und seinem Vorstellungskreis nicht so ganz fremd waren, zeigen uns Stellen wie Ps. 91, 14: Er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen. Einen ganz ähnlichen Ursprung hat doch auch das Wort bei Jesaja 43, 1: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein; nur, dass hier Gott es ist, der durch die Nennung des Namens das Volk zu seinem Eigentum macht.

Es ist nun verständlich, warum der Mensch vor dem Gebet den Namen des Gottes zu erfahren sucht, warum z. B. Oedipus (Soph. O. C. 41) den Wanderer fragt, mit welchem Namen er die Göttinnen, die den Hain beschirmen, anrufen müsse. Odysseus ruft(Od. V 445), wie er an der Phäakeninsel in der Flussmündung landet, den Gott an: Höre mich, Herrscher, wer du auch seist! Man sieht, er empfindet es schmerzlich, dass er den Namen des

1 Tylor Urgesch. 161.

2 vgl. J. Wellhausen Reste arabischen Heidentums 2. Aufl. Berlin 1897 S. 213.

3 s. die Literatur bei Ausfeld a. a. O. 519.

4 Tylor Urg. 159. Ganz entsprechend ist ja die Verwendung des Namens Gottes, besonders der Dreieinigkeit, auch im deutschen Volksglauben, z. B.

Wuttke 201 u. ö5. 3