Aufsatz 
Die Bedeutung des Namens im Kult und Aberglauben : ein Beitrag zur vergleichenden Volkskunde / von Wilhelm Schmidt
Entstehung
Einzelbild herunterladen

— 32—

Stier u. a.), so dürfen diese Tiere nicht mehr zum Opfer ver- wandt werden; man fürchtet, durch ihre Tötung auch dem Träger desselben Namens einen Schaden zuzufügen.

Wie der geschriebene Name zur Vernichtung einer ver- hassten Person dient, so kann er aber auch noch in anderer Art Anwendung finden. Wird der Name eines Gottes auf ein Blatt geschrieben, abgeleckt und verschluckt, so ist die dämonische Macht des Trägers dieses Namens in den übergegangen, der ihn verschluckt hat: so lehrt die Anweisung zur Verwendung der Mithras- liturgie im Zauberi; der Name schützt dann zugleich gegen allerlei schädliche äussere Einflüsse?. Auch diese mystische Handlung muss, wie so manche andere, natürlich im Halbdunkel, in der Frühe gegen Sonnenaufgang3, vorgenommen werden, eine Zeit, die nicht nur die Perser, Griechen und Römer für ihre Gebete und Beschwörungen bevorzugten, sondern die auch im deutschen Aberglauben eine grosse Rolle spieltb: dem geheimnisvollen Tun entspricht auch das geheimnisvolle Dunkel, dessen Dämmerlicht in dem Zauberwesen begreiflicherweise für günstiger gilt als der helle Tagesschein.

Das Essen des geschriebenen Namens hat sich auch bei unserem Volke noch erhalten: noch jetzt werden Zettel mit hei- ligen Namen verschluckt zum Schutz gegen Hieb und Schussé, sogar dem Vieh werden sie eingegeben gegen Behexung und Krankheit?. Dass der Brauch aber nicht auf unseren Erdteil be- schränkt ist, zeigt die Tatsache, dass auch in China gegen Krank- heiten Zettel verschluckt werden, allerdings nicht beschrieben mit dem Namen einer Gottheit, sondern mit dem der Arznei: der Arzt schreibt dort, wenn er die Arznei nicht hat erlangen können,

1 Dieterich Mithrasl. 18, 14: podpor 2 uν‿os*oσ, τ ν rwy dον⸗ror d»νμασ.... dππ⁴σιφ τ †2σά‿ον.

² S. 18, 19: 1 ν2εαφ r gplarryαο*m—,ά. vgl. S. 112; s. auch Pariser Zauberpap. ed. Wessely(Denkschriften der kaiserl. Akad. d. Wiss., philos.-hist. Kl. Bd. XXXVI Wien 1888) v. 2630 ff.; 2694 ff.; R. Wünsch Aus e. griech. Zauberpap.(V. 2441- 2707 d. genannten Pap) in Hans Lietzmann Kleine Teirte f. Vorlesgn. u. Uhgn. Heft 84.

3 rυaæ r06εᷣ darolde: S. 18, 16.

4 Belege bei C. Ausfeld de Graecorum precationibus quaestiones: Fleck- eisens Jahrbb. f. Phil. Suppl. XXVIII(1903) 509.

5 Wuttke 64. 124. 487.

6 Wuttke 243.

7 Wuttke 244.