Aufsatz 
Die Bedeutung des Namens im Kult und Aberglauben : ein Beitrag zur vergleichenden Volkskunde / von Wilhelm Schmidt
Entstehung
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Wollte man ganz sicher sein, dass der Feind jenen finsteren Mäch- ten nicht entrinne, so durchbohrte man den Namen mit einem Nagel. Gelegentlich findet sich auch wohl der Brauch noch bei uns, obwohl man sehr selten davon hört: vor dem Zug Napoleons nach Russland haben Deutsche seinen Namen in Galgenholz geschnitten?, offenbar mit dem Wunsch, der Träger dieses Namens möge auch bald zu solchem Holz in nähere Beziehung kommen. Die Ver- wünschung durch den gesprochenen Namen findet sich in Kleists Drama Die Familie Schroffenstein gleich zu Anfang, wo der Vater seinen Sohn noch besonders zur Nennung des Namens auffordert; nachdem der Vater Rache geschworen, sagt sein Sohn Ottokar: Mein Her⸗z Trägt wie mit Schwingen deinen Fluch zu Gott, Ich schwöre Rache so wie du. Rupert: Den Namen, Mein Sohn, den Namen nenne! Ottokar: Rache schwöre ich Sylvestern Schroffenstein!

Allerdings wird die Rache nach antiker Anschauung erst dann vollkommen, wenn der Bestrafte noch erfährt, weshalb und vor allem von wem er das Leid erduldets. Aus diesem Grund nennt auch Odysseus(in einem allerdings etwas anders liegenden Falle) dem Cyclopen, dem er vorher den falschen Namen„Nie- mand“ angegeben hatte, nachträglich noch? seinen richtigen. Namen. Freilich schädigt er sich dadurch zugleich auch selbst; denn der Fluch, den Polyphem gegen ihn aussprichté, kann erst durch die Beifügung des Namens Odysseus in vollem Masse wir- kungsvoll werden: die zur Rache angerufenen Geister müssen den Namen dessen, an dem sie ihre Macht ausüben sollen, genau wissen?. Es ist genau dasselbe wie in einem anderen Falle, nur dass dort dem Betreffenden ein Dienst erwiesen werden soll: um nämlich einem Kranken die Heilung durch eine Zauberpflanze

¹vgl. F. B. Jevons Die gräko-italische Magie(bei R. R. Marett Die Anthropologie und die Klassilrer übers. v. J. Hoops) Heidelberg 1910; Rec. v. R. Wünsch Berl. phil. Woch. XXXII(1912) 179.

² vgl. Karl Schöppach Denknisse eines Deutschen usw. Schleusingen 1835.

3 Aristot. het. II 3, 16 p. 1380 b 20 f.

4 0Odyss. IX 366.

5 v. 502 ff.

8 v. 530 ff.

1 O. Gruppe Griech. Mythol.(Hdb. V 2) München 1906 S. 883.