Aufsatz 
Die Bedeutung des Namens im Kult und Aberglauben : ein Beitrag zur vergleichenden Volkskunde / von Wilhelm Schmidt
Entstehung
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um ein Wiedererschaffen dessen, was dem Todesdämon bereits ver- fallen war. Diese Zaubermacht des Namens zeigt sich z. B. auch in einer ägyptischen Erzählung“: Isis wollte gern den Geheim- namen des Sonnengottes erfahren, der unter vielen Namen sich verehren liess, aber den Hauptnamen, auf dem seine Gewalt be- ruhte, geheim hielt². Sie griff daher zu einer List: durch den Biss einer giftigen Schlange liess sie ihn todkrank werden. Als er zu sterben fürchtet, spricht sie zu ihm:„Sage mir deinen Na- men, göttlicher Vater, denn der Mann bleibt leben, der mit seinem Namen gerufen wird“. Er nennt nun eine Reihe Namen, die ihm auch zukommen, aber es hat keine Wirkung; erst, als er auf ihr Drängen und unter dem Druck seiner Qualen seinen geheimen Namen nennt, erlangt er durch ihren Zauber seine Ge- sundheit wieder. Auch um jemands Gesundheit zu trinken, wird die Kenntnis des Namens vom Volk für notwendig erachtet. Das zeigt der Brauch des sogenannten„Namen abtrinken“. Beim Handwerksgruss der Drechsler z. B. wird der Fremde zuvor nach Name und Herkunft gefragt und dann erst seine Gesundheit ge- trunken mit den Worten„Du sollst leben!“ Dieser Wunsch kann keine Wirkung haben, wenn man nicht den richtigen Na- men des betreffenden Menschen weiss.

Auch die Athener nannten aus demselben Grund, wenn sie auf jemands Wohl tranken, den Namen des Betreffenden“. So verfährt auch— freilich, um eine ganz andere Wirkung zu er- zielen— Theramenes, einer der dreissig Tyrannen, der den Gift- becher trinken musste?b. Als er ihn fast geleert hat, sagt er, indem er den Rest ausgiesst:„Das trinke ich dem Kritias zu!“ 80 hatte er die Neige unter Namensnennung dem„Wohl“ seines Hauptfeindes geweiht, und wirklich, so fährt Cicero fort, ereilte diesen bald darauf der Tod(vgl. hier Seite 29, 1).

Damit sind wir bereits zu einer anderen Wirkung der Kennt- nis und Nennung des Namens gelangt: nicht nur zum Guten, auch zum Bösen kann ich ihn anwenden; er hilft mir auch, um

¹ Adolf Erman Agypten und ägyptisches Leben im Altertum Tübingen 1885— 87 Bd. II 359 ff.

2² vgl. unten S. 43 ff.

3 Zeitschr. d. Vereins f. rhein. u. westf. Volksk. VIII(1911) 186 f.

¹ Athenaeus XI p. 498 D 006,/T1„ ³⁄Q+erd ναυνοοεοσενεα. Cic. Tusc. I§ 96 Graeci(aber nicht-die Spartaner: s. Ath. X p. 432 D) in conviviis solent nominare, cui poculum tradituri sunt.

5 Cic. Tusc. I 96.