Einleitung.
Unser Wort„Namen“, sagt Grimm(Wörterb. VII 322), lässt sich nicht trennen von nomen, gnomen(in co-gnomen); auch der griechische Stamm„vo in„e-y-ono(lat. co-gno-sco)¹ ist dem zu vergleichen, so dass also Name ursprünglich so viel heisst wie das unterscheidende Kennzeichen, das hervorspringende Merkmal. Durch den Namen erlangen die Dinge erst ihren klaren Inhalt. Welch eine Welt von Beziehungen, welche Fülle von Vorstellungs- kreisen vermag nicht die Nennung nur eines einzigen Namens wie Caesar, Napoleon, Homer, Cicero oder Goethe in uns zu erwecken und auszulösen!„Selbst das Tier wird uns erst recht befreundet, wenn es seinen eigenen Namen trägt, und der Dichter hat ein tiefes Naturgefühl darin bewährt, dass er den Löwen Nobel, den Fuchs Reineke, den Wolf Isegrim, den Bär Braun.... nannte“ 3. Der Name ist eben ursprünglich kein leerer Schall, nicht etwas Kusserliches, er gilt vielmehr als Ausdruck des inneren Lebens und Charakters4B. Wie tief diese Auffassung in der Anschauungs- weise des Volkes wurzelt, und wie hieraus mancher noch heute bestehende Brauch, mancher noch in unseren Tagen lebendige Aberglaube sich entwickelt hat und sich verstehen lässt, soll in der folgenden Darlegung gezeigt werden.
¹ Gg. Curtius Grundzüge der griech. Etgſmologie 5. Aufl. Leipzig 1879 S. 321 hegt zwar infolge einiger, von verschiedenen Gelehrten gemachten Ein- wendungen jetzt gewisse Bedenken gegen diese früher auch von ihm vertretene Auffassung, gesteht aber zu, dass bei der neuen Erklärung manche Frage, die sich bei der früheren sehr einfach lösen liess, völlig ungelöst bleibt.
² Auch das hebräische Wort für Name bedeutet„hervorstechendes Kenn- zeichen, charakteristisches Merkmal“: vgl. Herzog-Hauck Realenzycl. f. prot. Theol. u. d. W. Name Bd. XIII 626; F. Giesebrecht Die alttestamentliche Schät- zung des Gottesnamens Königsberg 1901 S. 8.
³ Karl Dilthey Uber die Natur der Eigennamen Progr. des Grossh. Gymn. zu Darmstadt 1857 S. 3.
¹ Wuttke 479.


