Aufsatz 
Die Einführung der Reformation in Hanau / vom außerordentl. Pfarrer und Reallehrer Julius Scheer
Entstehung
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1541 verblieben. Doch erreichte Graf Reinhard zu Solms ſeinen Zweck weder in Bezug auf die katholiſche Erziehung der beiden jungen Prinzen, noch in Beziehung auf die Unterdrückung der evange⸗ liſchen Lehre in der Hanauer Kirche.

Was nun überhaupt die damaligen Kirchenverhältniſſe in Hanau anlangt, ſo ſtanden an der Marien⸗Magdalenenkirche vor der Einführung der Reformation 13 Chorgeiſtliche unter einem Dechanten, die den Gottesdienſt nach römiſch⸗katholiſcher Weiſe verrichteten.*) Dieſe verſahen den Dienſt in der Hauptkirche mit den ſechs darin geſtifteten Altären, in der kleinen Kirche des Hoſpitals, in der Schloß⸗ capelle und auch in Mittelbuchen, welche Pfarrei mit allen Einkünften dem Hauptſtifte in Hanau ein⸗ verleibt war. Noch zwei Jahre nach des Grafen Balthaſar Tode, a. 1536 waren dieſe 13 Geiſtlichen vollzählig, aber trotz des Einfluſſes des Grafen Reinhard zu Solms wurde durch das Evangelium, welches Enneobolus in derſelben Stiftskirche predigte, in welchem der katholiſche Gottesdienſt gehalten wurde, allmählig der Boden für den katholiſchen Cultus ſo untergraben, daß er ſich nicht lange mehr halten konnte. Die Stiftsgeiſtlichen ſtarben nach und nach aus, oder zogen auf auswärtige Pfarreien, denn ſchon 1538 finden ſich nur noch 8 Stiftsperſonen, 1548 noch 4, und 1550 ſind ſie alle entweder ge⸗ ſtorben oder verſetzt, ſo daß nur die beiden evangeliſchen Geiſtlichen Enneobolus und ſein Caplan Mel⸗ mann noch übrig ſind. Damit war denn der letzte Reſt des katholiſchen Cultus ſo vollſtändig gefallen, daß ſchon 1562, ein Jahr nach des Grafen Philipp III. Tode die ernannte vormundſchaftliche Regie⸗ rung daran denken konnte, die aus dem katholiſchen Cultus noch herrührenden Gewänder und Gefäße zu verkaufen. So heißt es Bernh. manuscr. pag. 61:

Nachdem die Hanauiſche Vormundſchaft befunden, daß allhier zu Hanau und anderswo in der Grafſchaft Kirchen allerhand unnöthige Meßgewand, Kirchenkleinodien, Kelch, Monſtranzen vorhanden, welches alles daliegt und niemand möcht, ſo habe ſie gnädig bedacht, daß der Oberamtmann und die Räthe beauftragt werden ſollten, damit ſolches zum beſten verkauft und jedes Orts Kirchen zu gut das Geld gelöſt, auf Penſion geliehen und ausgelegt werde.

Wie nun der katholiſche Vormund, Graf Reinhard zu Solms ſehen mußte, daß die kathol ſſche Kirche in Hanau vor der Predigt des reinen Evangeliums täglich dahinſchwand, ſo mußte er es auch erleben, daß ſein Plan, die jungen Prinzen durch eine ſtreng katholiſche Erziehung dem katholiſchen Glauben zu erhalten, vollſtändig ſcheiterte. 1

Nachdem der junge Graf Philipp 1541 ſeine Studien in Ingolſtadt beendet hatte, ging er 17 Jahre alt auf Reiſen in die Niederlande und ſpäter nach Frankreich, wo er ſich zunächſt einige Zeit in Orleans aufhielt, um daſelbſt die Sprache zu erlernen, und darnach ſich nach Bourges begab, wo er ſeine Studien trieb. Nach dreijähriger Abweſenheit kehrte er 1544 nach Hanau zurück, denn er hatte die Großjährigkeit erreicht und in Folge deſſen von Kaiſer Carl V. die Belehnung über ſeine Reichs⸗ lehen erhalten. Doch überließ er die Regierungsgeſchäfte der Vormundſchaft noch weiter, da er noch einige Reiſen unternehmen wollte. Von dieſen zurückgekehrt, that er 1548 einen Schritt, der von den wichtigſten Folgen für das ganze Land ſein mußte, indem er zur lutheriſchen Kirche übertrat und ſich öffentlich zu derſelben bekannte. Zu dieſem Schritte hat ihn namentlich der Abt Peter Lotich, der überhaupt großen Einfluß auf den Grafen hatte, bewogen, und gereicht dieſer Schritt dem Grafen

*) Nachricht über die Gründung der evangeliſchen Marienkirche und Johanniskirche zu Hanau von A. Calaminus. Pag. 15.