Aufsatz 
Die Einführung der Reformation in Hanau / vom außerordentl. Pfarrer und Reallehrer Julius Scheer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

II. Periode. Einführung der lutheriſchen Lehre in Hanau. 1529 1552.

Da Philipp III.(regierte 1529 1561) beim Tode ſeines Vaters erſt 3 Jahre alt war, ſo wurde eine vormundſchaftliche Regierung eingeſetzt, an welcher die verwittwete Gräfin Juliane, der Graf Bal⸗ thaſar von Hanau und die beiden Grafen Wilh. v. Naſſau und Reinhard v. Solms theil nahmen. Graf Balthaſar trat nach dem Tode ſeines Bruders nun ſogleich öffentlich zur lutheriſchen Lehre über, der er bisher im Geheimen ſtets zugethan geweſen war, und würde er ſicher dieſe Lehre auch bald zur geſetzlichen Geltung gebracht haben, da die bei weitem größte Mehrzahl des Volkes der neuen evange⸗ liſchen Lehre von Herzen zugethan war, wenn ihm eben nicht der Graf Reinhard zu Solms gewaltig im Wege geſtanden und ihn an der Ausführung dieſes Vorhabens gehindert hätte. Dieſen Grafen Rein⸗ hard hatte nemlich Graf Philipp II., als er ſeinen Tod herannahen fühlte, abſichtlich in die vormund⸗ ſchaftliche Regierung gewählt, damit der katholiſchen Lehre, der er ſelber bis zu ſeinem Tode treu ge⸗ blieben war, nichts in den Weg gelegt werden möchte, denn er wußte recht wohl, daß die Päbſtlichen an dieſem Grafen Reinhard einen eifrigen Papiſten haben würden.

Doch war der Einfluß, den Balthaſar ausübte, ſtark überwiegend, zumal die Regierung ganz in ſeinen Händen lag, da er ſeit 1531 von den Vormündern allein in Hanau anweſend war, nachdem die verwittwete Gräfin Juliane in dieſem Jahre ſich mit dem Vormunde Wilhelm v. Naſſau verheirathet und Hanau verlaſſen hatte. Denn ſchon gleich im Jahre 1529 macht ſich nach dem Tode Philipp's II. in der religiöſen Anſchauung ein vollſtändiger Umſchwung bemerkbar. Als nemlich 1529 die Türken Wien belagerten, verlangte der Kaiſer von allen Ständen des Reiches eine allgemeine Beiſteuer ſowie eine Fürbitte gegen dieſen Erbfeind. Dieſe beiden Befehle gelangten auch an die Hanauiſche Vormundſchaft und Graf Balthaſar vollzog dieſelben ſogleich. Er ließ ein Circularſchreiben abfaſſen und darin die Prediger ihres Amtes erinnern; doch war dieſes Schreiben ſo eingerichtet, daß darinnender Heiligen nicht im geringſten gedacht wird, ein ſicheres Zeichen, daß man ſich von der katholiſchen Gebetsweiſe loszuſagen anfieng.

Daß nun Graf Balthaſar dem lutheriſchen Glauben ergeben war, bethätigte er auch im folgenden Jahre 1530, wo er nach Augsburg reiſte und im Gefolge des Kurfürſten von Sachſen am 25. Mai bei der Uebergabe der augsburgiſchen Confeſſion vor Kaiſer und Reich beiwohnte.

Trotz des hemmenden Einfluſſes von Seiten des Grafen Reinhard zu Solms würde aber die Re⸗ formation dennoch bald ſiegreichen Einzug in Hanau gehalten haben, wenn nicht ſchon 1534 Graf Bal⸗ thaſar, kaum 26 Jahr alt, von dem ganzen Lande aufrichtig betrauert, geſtorben wäre.

Nach ſeinem Tode hatte jetzt Graf Reinhard zu Solms natürlich freie Hand, und ſein ganzes Streben war darauf gerichtet, die katholiſche Lehre, der er aufs Eifrigſte ergeben war, in Hanau auf⸗ recht zu erhalten. Dieſes hoffte er nun am ſicherſten dadurch zu erreichen, daß er ſeine zwei Mündel, die katholiſch getauft waren, auch in der katholiſchen Religion zu erziehen ſuchte. Darum ſchickte er ſie ſchon 1536 in einem Alter von 10 und 8 Jahren, wo ſie alſo noch ganz unter fremdem Einfluſſe ſtan⸗ den, auf ſtreng katholiſche Univerſitäten, zuerſt nach Mainz, dann nach Ingolſtadt, woſelbſt ſie bis