Aufsatz 
Die Einführung der Reformation in Hanau / vom außerordentl. Pfarrer und Reallehrer Julius Scheer
Entstehung
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Die reformatoriſchen Ideen aber, die ſich bald überall gewaltig Bahn brachen, fanden auch in Hanau den günſtigſten Boden und wurden hier mit der größten Lebhaftigkeit ergriffen, obwohl Graf Philipp II. ſelbſt ſich nicht zur neuen Lehre bekannte. Er blieb ſeinem katholiſchen Glauben treu und ſtützte dadurch zugleich mächtig die katholiſche Kirche in Hanau, die ſich noch lange daſelbſt erhielt, wenn⸗ gleich er der neuen geiſtigen Bewegung nicht feindlich entgegentrat, ja, auf Andrängen ſeines Bruders Balthaſar die Zuſtimmung gab, daß 1528 ein der neuen Lehre ergebener Geiſtlicher nach Hanau be⸗ rufen wurde.

Es war dieſes Philipp Enneobolus(Neunheller) aus Lauterburg, in dem Hanau⸗Lichtenbergiſchen Ländchen im Unter⸗Elſaß, der der neuen evangeliſchen Lehre ganz ergeben in fortwährendem Verkehr mit Melauchthon wie auch mit dem Abte Peter Lotich von Schlüchtern ſtand, welcher auch der Lehre der ſächſiſchen, nicht ſchweizeriſchen Reformatoren zugethan war, da er einen regen brieflichen Verkehr mit Melanchthon pflegte und gerade deſſen Werke und diejenigen Luther's ſtudirte, wie Lotich in ſeiner Selbſtbiographie(vergl. Rullmann, Geſchichte der Reformation des Benedictiner⸗Kloſters zu Schlüchteru bag. 4) ſagte: aber Gott, unſer Herr, gab Gnade, und kamen täglich viele gute Bücher an Tag durch Lutherum, Melanchthonem und andere mehr, alſo, daß ich deſſen baß beſtehen konnte.

Als Enneobolus nach Hanau kam, war er nicht mehr in jungen Jahren, weil er ſich 1542 ſchon einen senem(Greis) naunte, doch bedurfte man in Hanau auch eines älteren Mannes mit reiferen Lebenserfahrungen, der dieſe ſchwierige und verantwortungsvolle Stellung eines erſten Reformators be⸗ kleiden ſollte, zumal der evangeliſche Gottesdienſt neben den Päbſtlichen in einer Kirche mußte abge⸗ halten werden, und man gegen die katholiſche Gemeinde nicht ſchroff vorgehen konnte, da ja der regie⸗ rende Graf ihr angehörte, der für ſich und ſeine Familie keine Veränderung in kirchlichen Dingen geſtattete.

So wurde auch der Sohn des Grafen Philipp II., der nachmalige Graf Philipp III., am 2. Dez. 1526 unter der hohen Meſſe katholiſch getauft, was ebenfalls am 19. Apr. 1528 mit ſeinem 2. Sohne Reinhard geſchah. Doch ſchon im folgenden Jahre 1529 ſtarb Philipp II., nachdem er kurz vor ſeinem Tode am 1. Oſtertage mit den Sterbeſacramenten verſehen worden war. Den Tag nach ſeinem Tode wurde er mit großer Proceſſion in die Kirche getragen, dort auf einerBahre in das Chor*) geſtellt, und nachdem eine vigilia über ihn geſungen war, feierlich in die Gruft beſtattet. Seine Gemahlin genas kurz darauf eines Töchterchens, welches Mittwoch nach Oſtern in der Schloßkapelle unter der Meſſe ohne alles Gepränge getauft und Juliane genannt wurde.

Nachdem nun Graf Philipp II. geſtorben war, fand die Reformation in Hanau ungehindert ihren Eingang.

*) Bernh. manuscr. pag. 44.