Aufsatz 
Aus und über Hans Wilhelm Kirchhoff : zum Gedächtnis des Landgrafen Philipp des Großmütigen, 300 Jahre nach seinem Tod / von G. Th. Dithmar
Entstehung
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5 der Stirn tragen. Ich will einem hessischen Schriftsteller zugleich sein Eigentum vin- diciren 1), und, soweit das überhaupt möglich ist, das Leben desselben aus seinem seit- herigen Dunkel hervortreten lassen. Ehre, dem Ehre gebührt.

Wohl habe ich mir manchmal die Frage vorgelegt, ob nicht nach der grossen für unser Hessenland eingetretenen Veränderung alte Geschichten von einem Landgrafen jetzt wert- und nutzlos sein, ob nicht Dinge, die früher erfreuend und lieb waren, dem jetzigen Geschlecht schal und abgeschmackt scheinen möchten. Mag es immerhin gehn mit meinen Geschichten wie es wolle; ich weiss, dass einem ächten Geschichtsforscher kleine Züge aus dem Charakter eines grossen Mannes willkommen sind. Sollte jedoch so wie die nur gierig das Neue verschlingende Menge auch der vornehme Historiker diese kleinen Reliquien theilnahmlos aus den Händen legen, so werden diese sich darüber nicht grämen und werden bleiben was sie sind, nämlich altes ächtes Gold, und wer solches zu schätzen weiss, vorzüglich hessische Herzen, werden diese Denkmale vaterländischer Geschichte und Sprache nicht verachten. Uebrigens ist der Mann, dessen Feder diese Geschichten auf- gezeichnet hat, keine ganz unbekannte Grösse. In der deutschen Literaturgeschichte, man werfe den Blick in Vilmar, Wackernagel, Gödeke etc., hat Hans Wilhelm Kirchhoff unter den erzählenden Schriftstellern des 16. Jahrhunderts eine gebührende Stelle.

Vorerst gebe ich Proben aus einem im Jahre 1567 von Kirchhoff verfassten, ich will nicht sagen geclichteten, Reimwerk über Philipp den Grossmütigen. Darauf folgen die Geschichten aus dem Wendunmuth, welche den Landgrafen Philipp betreffen, und sein Lob zum Hauptziele haben. Diesem Theile hänge ich als interessanten Fund zwei christ- liche Glaubensstücke und ein Volkslied aus dem Wendunmnth an. Kirchhoffs Leben macht drittens den Beschluss dieser Schrift.

1) Man muss sich wirklich sehr über das Unrecht wundern, wenn freilich ein Abschreiben ohne Angabe der Quelle noch so genannt wird, welches unserm Kirchhoff widerfahren ist. Otto Melander in den Jocoserien nennt K. weder in dem catalogus autorum etc., noch führt er ihn innerhalb des Buchs als seine Quelle an, während er sonst genug Autoren nennt. Ebenso habe ich erstaunen müssen über die Unbekanntschaft der neueren hessischen Historiker in Betreff Kirchhoffs. Rommel 2. B. in den Anmerkungen 6. B. 2. Hpt. S. 184 erzählt eine Kirchhoff'sche Geschichte wörtlich nach (Wendunmuth I. 48.Was einen Fürsten Zzier*). Er leitet die Erzählung mit den Worten ein:»Eine Erzählung des in vorg. Anm. vorkommenden alten Hessen verdient hier einen Platz. Sucht man nun in der Anmerkung nach dem Namen des alten Hessen, so wird man getäuscht. Man findet wieder eine dem Kirchhoff abgeschriebene Geschichte(Lob des Städtchens Schwarzenborn(W. I. 47). Rommels Quelle sind Collectanea ad vit. Philippi v. Schmincke, ein Manuscript der Casseler Bibliothek. In diesem Manuscript ist K. ebenfalls nicht als Ueberlieferer genannt.