Aufsatz 
Aus und über Hans Wilhelm Kirchhoff : zum Gedächtnis des Landgrafen Philipp des Großmütigen, 300 Jahre nach seinem Tod / von G. Th. Dithmar
Entstehung
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Dass Landgraf Philipp in seinem Leben, wie auch bei und nach dem Tode von Freund und Feind, Gelehrten und Ungelehrten, in Prosa und in Gedichten auf alle mög- liche Weise gelobt worden ist, wissen alle, die mit der Geschichte und Literatur des 16. Jahrhunderts vertraut sind. Es gäbe wirklich ein langes Verzeichnis, wenn jemand die vielen treffenden und trefflichen Lobsprüche auf unsern Landgrafen, wie sie in den Schriften bedeutender Männer sich finden(z. B. bei Luther, Zwingli, Bullinger, Eobanus Hessus, Euricius Cordus, Conrad Matthäus, Justus Vultejus ¹) etc.) zusammenstellte und erneuerte. Mein Vorhaben ist das nicht; ich will in dieser Schrift nicht Viele, sondern Einen, nicht eine bunte Menge gelehrter Leute, sondern einen schlichten Hessen reden und das Lob des grossen und verdienstvollen Fürsten mehr aus einfachen Geschichten als aus hochklingenden Worten hervortreten lassen.

Man rühmt nicht mit Unrecht den alten Hessen eine besondere Anhänglichkeit an ihre Fürsten und Herren nach. Nicht minder bewahrten sie Gehörtes und Erlebtes, Thaten und Begebenheiten, die das Herz bewegten, in treuem Gedächtnis. Daher bildete sich ganz vorzüglich in unserem Lande abgesehn von der Poesie, welche unser Volk in seinen Sagen und Märchen fortpflanzte ein Kreiss theils ernster, theils scherzhafter Geschichten, in welchem jedesmal der Landgraf als strahlender Mittelpunkt stand ²). Des Fürsten Ehre und Herrlichkeit hielt das treue Volk für seinen eigunen Schmuck und ver- erbte liebgewordene Geschichten wie theure Kleinode auf das nachwachsende Geschlecht. Allein solche Erzählungen waren nicht unvergänglich, sie dauerten, bis ein neuer Kreiss mit neuem Inhalt den ältern verdrängte, der dann schliesslich dem Schicksal seines Vor- gängers anheimfiel. Eine Ausnahme hiervon machen nur diejenigen Geschichten, welche bei ihren Lebzeiten der Schrift oder dem Druck übergeben, ein verborgenes aber bleibendes Dasein behielten.

Von dem Landgrafen Philipp nun hat sich eine ziemliche Anzahl sogenannter Anecdoten oder Volksgeschichten zur rechten Zeit in Schriften geflüchtet, wodurch sie glücklicher Weise dem sonst unvermeidlichen Loose des allmählichen Absterbens entgangen sind. Eine Reihe so erhaltener Geschichten zum Lobe des Landgrafen Philipp in ursprünglicher Gestalt erscheinen zu lassen, ist der nächste Zweck dieser kleinen Schrift. Allein an diesen Zweck fügt sich noch ein anderer. Jene Geschichten sollen nicht mehr wie Bilder, die der Ausstellung für wert gehalten werden, obgleich der Meister unbekannt ist, namenlos umherschweifen, sondern sollen sich um ihren Urheber gruppieren und dessen Namen an

1) Die schönen Reden dieser beiden, inpanegyrici Academiae Marpurgensis sollten jetzt nach 300 Jahren wieder öffentlich gelesen werden. J. Vultejus war Professor der Theologie und Pädagogiarch. Jocos. II, 1. Ausser ihm hielten noch zu Marburg Nicolaus Asclepius und Joh. Lonicerus Trauerreden. Petrus Paganus verfasste ein carmen heroicum, alles im J. 1567.

2) Wir haben selbst in der Kindheit so manche Geschichte erzählen horen, die allemal angieng der Landgraf.