Aufsatz 
Chronik des Gymnasiums zu Marburg von 1833 - 1883 / [Friedrich Münscher]
Entstehung
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Gegenstand sowie die leitenden Grundsätze der Erziehung waren auch in den Conferenzen der folgenden Tage Hauptgegenstände der Berathung. Nach diesen Vorbereitungen wurden die Lehrer am 13. Mai dem Eröffnungstag des neuen Gymnasiums nach Vorschrift der Ministerial-Verfügung von den Professoren Dr. Rehm und Dr. Hupfeld, als Gliedern der bisherigen Inspection, in ihr neues Amt eingeführt und begannen ihre Thätigkeit noch an demselben Tag. Diese konnte aber nicht im Unterrichten, sondern musste viel- mehr im Prüfen der 81 Schüler, die man vorfand, bestehen. Da ergab sich nun, dass die Leistungen der einzelnen Classen den für Gymnasien bestehenden Anforderungen nicht entsprachen, dass namentlich den Schülern der höheren Classen eine sichere Kenntnis der Elemente fehle. Man erkannte daher die Nothwendigkeit, die bisherige Prima für Secunda, die bisherige Secunda für die erste Ordnung von Tertia zu erklären und in allen Classen die Einübung der Elemente vorzugsweise ins Auge zu fassen. Zugleich wurde die für die Erziehung der Schüler besonders wichtige Einrichtung der Classen- Ordinariate, sowie die Austheilung halbjährlicher Censuren an die Eltern oder Vormünder der Schüler eingeführt. Ein frisches Leben, ein neuer Geist durchdrang die ganze Anstalt. Director Vilmar war ganz der Mann dies herbeizuführen. Durch ein bedeutendes orga- nisatorisches Talent gab er dem Gymnasium bald ein festes Gepräge und heilsame Ord nung. Dabei wusste er bei den Bewohnern Marburgs und namentlich bei den Professoren, welche aus alter Gewohnheit auf die ihnen bisher untergebene Anstalt mit einiger Gering- schätzung zu blicken geneigt waren, dem Gymnasium das gebührende Ansehn zu ver- schaffen. Er, der mit grossen Geistesgaben ausgerüstet war, der eine auf Theologie, Philologie, Geschichte, Naturkunde, besonders Botanik ausgebreitete Bildung besass, dem auf dem Gebiet der deutschen Sprache und Literatur in Marburg Niemand gleichkam, nöthigte schon durch seine Persönlichkeit Allen Achtung ab. Zugleich besass er in hohem Grad die Gabe, die Gemüther der Jünglinge für die Gegenstände seines Unterrichts zu gewinnen und durch kräftige Schlagwörter mit sich fortzureissen, mitunter allerdings So, dass dadurch mehr das Gefühl entflammt, als dauernde Ueberzeugung begründet wurde. Seinem innersten Wesen nach war er nämlich ein Mann des Gefühls und cholerischen Temperaments, der, vornehmlich durch das Gefühl bestimmt, diesem einen scharfen Ver- stand und eine eiserne Willenskraft dienstbar machte. Daher erklären sich die entgegen- gesetzten Erscheinungen in seinem Leben: Zartheit und Innigkeit einerseits, verletzende Schroffheit andrerseits. Daher erklärt sich auch seine religiöse Stellung. Nachdem er sich erst im Beginn des Mannesalters von der seligmachenden Kraft des Evangeliums überzeugt hatte, eignete er sich mit einem raschen Entschluss das Bekenntnis der evange- lischen Kirche an und verfocht nunmit der ihm eigenen Kraft des Willens und Verstandes die einzelnen Sätze desselben, ja er gieng sogar in der Lehre vom Priesterthum und in der Dämonologie über die Grenzen dieses Bekenntnisses hinaus. Dieser Mann war es, der, unterstützt von fünf jungen Lehrern, unter welchen sich Dr. Flügel und Dr. Ritter durch Eifer, Lehrgeschik und Kenntnisse auszeichneten, die Anstalt aus dem Zustand