Aufsatz 
Binger Heimatgeschichte in lateinischem Gewand / für den Schulgebrauch zusammengestelt und erläutert von Studienrat J. Kohl
Einzelbild herunterladen

47

in lateinischem Gewand

VI. Kirche und Schule

1. Zur Baugeschichte der Pfarrkirche. ¹)

(Aus einer alten in der Mainzer Seminarbibliothek befindlichen Hand- schrift, die auch die Statuten des Martinstifts enthält Würdtwein, Subsidia dipl. II., Heidelberg 1773, SS. 338 ff.)

Anno milleno C quatuor hinc quoque terno ²) Hypoliti festo ²) flammae magnae memor esto, Pingensis oppidi, quod tunc comburitur igni,

Heu sic combussit, quod pars non quarta remansit. Parochiam), turres, aras destruxit et arces. Templum Christophori, Nicolai, Pneumatis almi, Aegidii monachi), tectum domui puerorum), Georgii sancti*) necnon loca reliquiarum, Claustrales curtes*) simul atque domos clericorum) Flamma vastavit, pariter quoque pessime stravit.

Altera huius codicis pagina repraesentat imaginem s. Mar- tini episcopi porrigentis pauperi a sinistris geniculanti ¹⁰) chlamy- dis ¹¹) dimidium. Legitur ibidem:Martinus chlamydem cum pau- pere dimidiavit. Paulo inferius a dextris cernitur Sigefridus II archiepiscopus Mogunt. sinistra offerens ecclesiam, ex ore eius prodit versus:Accipe grate munus, tibi quod offert Segefridus.*¹²) Circa annum 1220 ecclesiam hanc exstructam fuisse e chartis bonae

Baugeschichte der Pfarrhirche. ¹) Vgl. Como, Altbingen II, S. 19 ff. Es ist kein Zweifel, daf die heutige Pfarrkirche an der Stelle eines heidni schen Tempels errichtet wurde. Bei dem ersten christlichen Heiligtum lag auch eine Begräbnisstätte, auf der frühchristliche Grabsteine, insbesondere der Mauriciastein, gefunden wurden. Der älteste, uns erhaltene Teil der Pfarrkirche ist die der karolingischen Zeit angehörende Stollenkrypta. Aus einer Urkunde erfahren wir, daft bereits 1006 eine dem hl. Martinus geweihte Stifts-Kirche vorhanden war, die der Obhut vonBriidern, also dem Martin- stift anvertraut war. Der karolingischen Krypta legt sich eine romanische Gruftkirche vor. Um 1220 erhob sich dariiber ein spätromanischer Bau, der mit Ausnahme der Turmanlage und der Krypta 1403 durch Brand zerstört wurde. Auf diese Tatsachen beziehen sich die Verse der Handschrift in der Mainzer Seminarbibliothek, die Würdtwein veröffentlicht und beschrieben hat. Diese Verse sind z. T. Leoniner, benannt nach dem Dichter Leo(um 1150): Hexameter und Pentameter, bei denen Mitte und Schluf jedes Verses sich reimt. Vgl. dazu auch den Bericht des Trithemius zum Stadtbrand von 1403, S. 36, ²) Wohl des Verses wegen hier für das Jahr 1405 teilweise die Distributiv- zahlen und Kardinalzahlen. ³) Hippoliti festo= 13. August, so auch Trithem; nach anderen Angaben war der Brand am Vorabend vor Mariä-Himmelfahrt. also am 14. August. ¹⁴) parochia= Pfarrkirche, Pfarrei.) Christophorus- kapelle im Ravengiersburger Hof in der Mönchs-(Amts-)gasse; die Nikolaus- kapelle der Schifferzunft in der Gegend des Nikolausgäfßichens, die Heilig- geistkapelle auf dem Freidhof. Am Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Hospital in das aufgehobene Kapuzinerkloster verlegt; die Lage der Aegi- diuskapelle ist unbekannt.) tectum domui pueronum= die Bubenschule des Martinstiftes, am Freidhof.*) Die Georgskapelle wird auch in der Nähe der Pfarrkirche gelegen haben. ³) claustrales curtes= die Klosterhöfe: sie lagen insbesondere in der Mönchs-(Amts-)gasse.) domos clericorum= Wohnungen der Kleriker des Martinstiftes, die in der Umgebung der Stifts- kirche lagen. ¹⁰) geniculans= kniend. ¹¹) chlamys(griech.) Mantel. ¹²) Erz- bischof Siegfried 1200 1230.