Aufsatz 
Rede zu des Kaisers Geburtstag : gehalten im Kaisersaal in Frankfurt a. M. bei der am 22. März 1873 veranstalteten Schulfeier / von Th. Creizenach, Professor am Gymnasium
Einzelbild herunterladen

91

Todesjahr der Königin Louise. Dort erklangen bis in die neueste Zeit am Geburtstage des Landesherrn freimüthige und gediegene Mahnworte aus dem Munde des Altmeisters Böckh, dem wenn er noch am Leben wäre, heute Jeder sich beugen würde, dem das Amt des Sprechers zugefallen ist.

Als die Freiheitskriege glorreich beendigt waren, wurde vor Allem Frankfurt von dem Hauche des Geistes berührt, dem die Nation ihren Auf- schwung verdankte. Der grosse Staatsmann, der die Städteordnung schuf, hatte mit ihr dem verdumpften Bůrgerthum die Möglichkeit eröffnet, sich zum staatlichen Gemeinwesen heranzubilden. In der Zeit, wo seine Thätig- keit ihn in unserer Stadt festhielt, wandte er derselben bei der Neuge- staltung ihres öffentlichen Daseins ein Interesse zu, wie kein anderes deut- sches Gemeinwesen es ihm einzuflösen vermochte; er hatte den Gedanken, Frankfurt könne sich zur Musterstadt für ein thätiges Bürgerleben ent- wickeln. Der ernste hochsinnige Dichter, der in unserer Poesie als der un- mittelbare Vertreter Stein's und seiner Gedanken gelten kann, Max von Schenkendorf, begrüsste damals unseren kleinen, in seiner Umwandlung be- griffenen Staat mit dem Zuruf:

Lasst jedem Bürger geben

Den Raum zu Wort und That, Und strömen wird das Leben Vom Bürger in den Rath.

Derselbe dichterische Seher, den Friedrich Rückert als den Kaiserherold anpreist, wandte in dieser Eigenschaft seine Blicke auf den preussischen König und auf diesen Saal; mit einer Innigkeit und Lebhaftigkeit, die an Walther von der Vogelweide erinnernrief er in einem Augenblicke, wo wiederum die kleinen Könige sich vordrängten, seinen Deutschen zu:

O werde endlich weiser,

Du Heerde ohne Hirtt,

Und wähl' dir einen Kaiser Und zwing' ihn, dass er's wird.

Aber, was für unseren Kreis das Wichtigste ist, die innige Verbindung des wissenschaftlichen Geistes mit dem nationalen wurde nirgendwo so lebendig gefühlt und hat sich, wenn wir die wichtigsten akademischen Mittelpunkte