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er sich stützt. Mit diesen Thatsachen muſs man rechnen, wenn sich auch die Darwin'schen Hypothesen als unhaltbar erweisen sollten. Goethe sucht noch in der Blüte seines Schaffens die Lücke in seiner harmonischen Ausbildung durch naturwissen- schaftliche Studien auszufüllen; die Erfahrung ist ihm von Fall zu Fall die Quelle der Erkenntnis, er sucht sie aber auch aus ihren Bedingungen zu verstehen und ermüdet daher nicht, durch scharfe Beobachtungen sich möglichst vor Täuschungen zu be- wahren. Er schreibt aus Rom 1786:„Meine Übung, alle Dinge wie sie sind zu sehen und abzulesen, meine Treue das Auge Licht sein zu lassen, meine völlige Entäufserung von aller Prä- tention kommen mir wieder einmal recht zu statten und machen mich im Stillen höchst glücklich.“ Wir finden bei ihm in der Beobachtung des Herzens und der lebendigen Natur dieselbe Feinheit, in der Schilderung und Darstellung derselben dieselbe Frische und Lebendigkeit. So übte die Naturbeobachtung einen wesentlichen Einfluſs auf sein Dichten und Denken aus.— So wichtig die Pflege der Beobachtung für die Erziehung des Men- schen und für seine Thätigkeit im Leben ist, so wichtig ist sie auch für den Fortschritt des Menschengeschlechts in der Wissen- schaft und Kunst gewesen. Im Zurückbleiben der Alten in der Beobachtung und infolge dessen in der naturwissenschaftlichen Bildung sieht Du Bois-Reymond einen der vornehmsten Gründe, aus denen die alte Kultur unterging. Denn ohne Beobachtung und Versuch ist ein Fortschritt in der Technik undenkbar, mit dieser aber fehlt der Kultur ein notwendiges Glied, die Herrschaft über rohe Kräfte. Und blicken wir ins Mittelalter! Damals hatte man die schöne, herrliche Natur ganz durchteufelt, allenthalben erblickte man dämonische Gebilde, und der Mensch war inmitten dieser unholden Geister ein armes, beklagenswertes Geschöpf, das in Angst und Schrecken seine Tage verlebte. Diese Zeit muſs ein warnendes Beispiel sein, wohin sich der menschliche Geist ohne die feste Basis der Naturerkenntnis mittels eigner Beobachtung verirren kann. Vor dieser dagegen fliehen die Geister und Gespenster, sie löscht den Scheiterhaufen der Hexen und Ketzer und zügelt den Über-


