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mut der Spekulation. Durch jahrhundertlange Arbeit haben Beobachtung und Nachdenken die Wissenschaften geschaffen. Es mag genügen, dies nur an der Entwicklung einer Wissen- schaft, an der Botanik, nachzuweisen. Zunächst fielen die äuſseren, scheinbar beharrlichen Formen der Pflanzen ins Auge, es entwickelte sich die darauf gegründete Systematik. Dann gewahrte der aufmerksame und geübte Beobachter in diesen Formen eine gewisse Einheit, die besonders klar hervortrat, wenn man die Entwicklung derselben betrachtete, es entwickelte sich die vergleichende Botanik und die Entwicklungsgeschichte. Das führte aber unmittelbar, besonders als die verbesserten Mikroskope ihre Dienste anboten, zur genaueren Beobachtung des inneren Bau's, und so entstand die Morphologie(die Ana- tomie) der Pflanzen und ihrer Elementarorgane. Nun konnte man sich aber auch der iberzeugung nicht verschlieſsen, daſs innerhalb dieser Organe Kräfte wirken müssen, durch welche die morphologischen Umbildungen bewirkt werden, es ent- wickelte sich die Physiologie der Pflanzen. Nachdem alle diese Seiten der Botanik mit Hülfe einer bis ins Kleinste gehenden Beobachtung und darauf gegründeten Nachdenkens ausgebaut waren, da trat die Frage heran: In welchem Zusammenhang stehen die organischen Wesen unter sich und mit der anorga- nischen Natur, woher stammen sie und wie haben sie sich im Laufe der Zeit entwickelt? Es entstand so die Biologie und die Abstammungslehre. Man ersicht daraus, dals die Teile, welche eine geübte Beobachtung voraussetzen, sich zuletzt ent- wickelten. Es ist unserer Zeit vorbehalten, nach dem Vorgang des genialen Beobachters K. Darwin den Bau zu vollenden. Es wird ihr dies hier und in andern Wissenschaften um so schneller und besser gelingen, je mehr in der Schule die Beob- achtung durch einen gründlichen Sachunterricht gepflegt wird.
Schenke man daher dieser Seite der Schulerziehung etwas mehr Aufmerksamkeit als bisher, lasse man die Natur- und Geisteswissenschaften Hand in Hand gehen bei der Bildung des Menschen, sich gegenseitig unterstützen und ergänzen. Dann werden sich der Jüngling und die Jungfrau eine ver-


