Aufsatz 
Festschrift zur ... Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner
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Wiener Dialekt eine Menge echt deutscher Wörter enthält, die aus dem Mittelhochdeutschen, ja aus dem Althochdeutschen belegt werden können, aber schon längst der Schriftsprache und dann im übrigen Deutschland auch dem mündlichen Ver- kehr abgestorben sind. Dies nachzuweisen ist der Zweck der untenstehenden Proben. Mit den Gründen dieser merkwürdigen Erscheinung müſste sich einmal eine besondere, gewiſs höchst interessante Arbeit beschäftigen; hier muſs ich mich auf zwei Vermutungen beschränken. Die volkstümliche Literatur blühte in österreich hauptsächlich unter den Babenbergern. Am Wiener Hof waren namentlich die Nibelungen ein sehr be- liebtes Gedicht, das dort schon wegen seiner genauen Kenntnis österreichischer örtlichkeiten interessieren muſste. Es ist an- zunehmen, dals Werke dieser Art, wie auch Lustspiele und Satiren, die schon in altersgrauer Zeit blühten, teils darum, weil sie den Schutz der Fürsten genossen, teils wegen ihrer Volkstümlichkeit an sich bald in die weitesten Kreise ein- drangen und dort ihren Sprachschatz, wie sie ihn denn vom Volke empfangen hatten, bereichert und auf die Dauer nieder- legten. Eine negative Erklärung für den Bestand der alten Formen scheint mir in der langen Absperrung österreichs gegen die hochdeutschen Klassiker zu liegen. Höchste und höhere Kreise kannten zwar schon in den achtziger Jahren Lessing, Goethe und Schiller. Aber nur teilweise: Nathan, Götz, Stella, die Räuber, Kabale und Liebe, Don Carlos waren noch zu Anfang unseres Jahrhunderts ausgeschlossen. Tell wurde, wenn ich nicht irre, erst gegen Ende der zwanziger Jahre zugelassen. Von einem Eindringen in das eigentliche Volk, wie dies bei uns der Fall ist, war und ist jetzt noch fast keine Spur; dazu fehlten schon die äuſseren Mittel. So be- suchten unter Metternich kaum drei Fünftel der schulpflichtigen Kinder die Schule! Charakteristisch in dieser Beziehung sind auch die Worte, die Kaiser Franz bei Gelegenheit an die Lehrer des Laibacher Lyceums richtete:Halten Sie sich an das Alte; denn dieses ist gut, und unsere Vorfahren haben sich dabei gut befunden, warum sollten wir es nicht? Ich brauche keine Gelehrten, sondern brave Bürger.

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