Aufsatz 
Festschrift zur ... Versammlung Deutscher Philologen und Schulmänner
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Provinzialismen, aber merkwürdig erscheint es auf den ersten Blick, wenn wir in einer glänzenden und hochgebildeten Weltstadt, wie Wien, den Dialekt(im weiteren, eben genauer bestimmten Sinn) mit der ungenirtesten Urwüchsigkeit und Berechtigungsüberzeugung sich bewegen sehen.

Das Auffällige dieser Beobachtung wird noch bei Be- trachtung der geographischen Lage Wiens vermehrt, die durch- aus nicht von der Art ist, daſs sie der Ausbildung und dem Festhalten des Dialekts förderlich erscheinen könnte, wie dies beispielsweise im alten Griechenland der Fall war, das seine geographische Dreiteilung, seine klimatischen Gegensätze, seine zahlreichen Gebirgsarme zur Ausbildung der Dialekte mit Not- wendigkeit bestimmten. Alle diese Bedingungen fehlen dem Wiener Becken, das einen Kreuzungspunkt der Straſsen aller Richtungen bildet.

Die verhältnismäſsige Niedrigkeit der östlichen Alpenketten gestattet eine vergleichsweise leichte Verbindung mit dem Mittelmeer, dem obendrein auf keinem Punkte die Donau näher kommt, als bei Wien. Durch diese Configuration ist Wiens Verkehr mit dem Orient vorgezeichnet. Bequeme Straſsen von und nach Deutschland ziehen auf dem rechten, das heilst Wiener Ufer der Donau, da der Anlage am linken die oft hart ans Ufer drückenden Gebirge, namentlich der Böhmer Wald, Schwierigkeiten bereiten. Die Verbindung mit dem Norden von Oder und Weichsel her vermittelt das Marchthal. Mit dem europäischen Orient setzt der Strom Wien in directe Beziehung. So ist es denn auch gekommen, daſs über diese ursprünglich wendische oder keltische Stätte Römer, Gothen, vandalische, suebische, hunnische Stämme sich wälzten; Heruler, Rugier, Turcilinger, Avaren, Magyaren und Türken folgten, bis endlich das Germanentum nicht nur hier festen Fuſs faſste, sondern sogar siegreich die Donau hinabschritt, um in das Gebiet der Slaven einen Keil zu treiben, der sie hoffentlich für immer in Nord- und Südslaven trennt.

Die Zähigkeit des germanischen Elementes zeigt sich aber nicht nur darin, daſs die deutsche Sprache überhaupt hier feste Wurzeln schlug, sondern namentlich in dem Umstand, daſs der