Vindobonismen. Von Dr. Ludwig Textor.
Mit diesem Ausdruck bezeichne ich besondere sprachliche Erscheinungen, die zunächst bei der unteren und mittleren Volksklasse Wiens hervortreten, zum Teil selbst in den höchsten Kreisen beobachtet werden, wie ich denn zum Beispiel die Worte:„Ich habe ihm angewiesen“ mit eigenen Ohren aus dem Munde eines österreichischen Cultusministers gehört habe. Selbstverständlich befindet sich unter diesen Erscheinungen eine ganze Reihe solcher, an denen nicht allein Süddeutschland überhaupt, sondern so ziemlich das gesamte Deutschland Eigen- tumsrecht hat. Der Grund, warum ich auch solche Idiotismen hier einreihe, ist der, daſs sie dem Fremden, der in Wien lebt, als integrirende Teile eines Ganzen entgegentreten, dem sie, wie die einzelnen Sterne einem bestimmten Sternbild zuzu- gehören scheinen. Sie sind in höherem Grade charakteristische Typen der Wiener Volkssprache, als anderer sie zum Teil gleichfalls führender Dialekte, die bei gröſserem Verbreitungs- rayon der Abgeschlossenheit und Homogenität des Wiener Idioms entbehren.
Es hat für uns nichts Auffälliges, local gefärbte Wörter, Formen und syntaktische Fügungen, die der Schriftsprache fremd sind, Verwechselung des Geschlechts der Hauptwörter, abweichende Rection der Präpositionen und Verba in den Pro- vinzen zu finden— wir nennen ja darum solche Abweichungen
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