Aufsatz 
Marburg im Jahre 1645 / von Walter Kürschner
Entstehung
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trunkener Soldat, der noch dazu aus Marburg selbst stammte, den Wirt, der weiteren Wein verweigerte, mit der blanken Waſſe angriff. Aber trotz aller dieser Schonung war doch die Lage der Stadt sehr traurig. Bis zum 12. XII. waren schon 1500 Soldaten einquartiert, die fast sämtlich in den 137 Häusern der innern Stadt untergebracht werden mussten.¹) So lagen bald 12 19 Mann in jedem Haus, besonders da auch hier wieder die Kanzlei-, Universitäts- und Ratsverwandten, die doch meist die geräumigsten Häuser besassen, wenn überhaupt, nur in ganz geringem Masse zur Einquartierung herangezogen wurden. So muss der Rat fast täglich Sitzungen abhalten und manchmal an 40 Klagen über zu starke Einquartierung entscheiden, so hören wir auch, wie die Bürgerschaft klagt, dass sie sich in ihren Häusern nicht drehen und wenden könne, so lässt ein sterbender Mann den Rat bitten, ihm die 3 Tambours aus seiner Stube abzunehmen, damit er ruhig sterben könne, und ähnliches mehr.

Da kann es nicht Wunder nehmen, dass schon am 6. XI. ein neues Bittschreiben²) an Am. El. abgeht, in dem gesagt wird, viele Bürger seien schon aus der Stadt gezogen, und täglich zögen noch welche fort. Ihre zum Teil verwüsteten und dem Einsturz nahen Häuser werden dann von den Soldaten ein- gerissen und alles Holz zum Brennen benutzt.

Die Lasten der Einquartierung waren höchst unangenehm, härter noch waren die Opfer an Geld und Naturalien. Bisher war es vielfach so gehalten worden, dass bei Einlagerung von Truppen der betreffende Ort die Soldaten entweder voll verpflegen oder Kontribution zahlen musste, von der der Sold der Truppen be- stritten wurde. die dann ihren Lebensunterhalt(ausser Quartier, Feuer u. a.) selbst kaufen mussten. Nun wurde der Stadt auf- erlegt, alle 10 Tage 100 Rthlr. an Löhnungsgeldern und eben- soviel an Servis zu zahlen, also 600 Rthlr. im Monat, und ausserdem den Soldaten vollen Lebensunterhalt zu gewähren. Die Bürgerschaft ist darüber ausser sich, klagt, dann müssten sie alle als Bettler die Stadt verlassen, und setzt in Kassel,

1) Bis zum Januar 1646 stieg die Einquartierung auf 3000 Mann. 2) Abschrift imRatsprotokoll 1645.