Aufsatz 
Marburg im Jahre 1645 / von Walter Kürschner
Entstehung
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müssen auch täglich 40 Bürger bei den Schanzarbeiten helfen. Die Bewohner der Häuser an der Ritterstrasse müssen ihre nach dem Schloss zu gelegenen Gartentüren klaftertief mit Erde beschütten, ihre Häuser werden von den Niederhessen besetzt. Im Gespräch äussert Geysso, seine Schanzen seien bald fertig, wenn er Befehl von Kassel bekomme, wolle er das Schloss schnell haben. Von nun an hören wir häufiger von kleinen Scharmützeln, und die Soldaten vom Schloss werden nicht mehr in die Stadt gelassen. Sie nützen ihre günstige Lage aus und schiessen überall hin, wo sich Menschen in der Stadt zeigen, z. B. auf den Mann, der die Brunnen gegen die Kälte verwahren soll, und auch auf einen Leichenzug, wobei die Leiche im Sarg durch einen Schuss getroffen wird. Man hilft sich schliesslich, indem man dasJägergarn aus dem Renthof holt und vor die Strassen hängt, so dass die Vorübergehenden von oben nicht gesehen werden können. Die Soldaten in der Stadt erwiderten das Feuer z. B. von der Wendeltreppe des Rathauses her und hätten auch den Turm der Stadtkirche dazu benutat, wenn nicht der Superintendent, in Sorge um seine Kirche, das bei Geysso hintertrieben hätte. Selbst am zweiten Weihnachtstag ruht das Feuer nicht, es fallen an dem Tage zwei Soldaten.

Von niederhessischen Offizieren werden ausser den schon erwähnten noch genannt: Major und Oberstwachtmeister v. Winkelstern(auch Wünckstern genannt), Kommandant der Stadt bis zum 21. XII., Oberst Stauff, sein Nachfolger, Oberstwacht- meister Binhausen, die Obersten Grod, Düngen, Motz und Karpe, Major Gleim, die Kapitäne Benedex, Knub, Hausmann, Haupt- mann Vitus Dax(hier und in der Kapelle vor dem Barfüsser- tor beerdigt), Rittmeister von Buchhorst, Rittmeister von der Osten, Leutnant v. Keckel.

Hatten die Tage der Bestürmung der Stadt viel Angst ge- bracht, so stieg durch die sich häufende Einquartierung die Not der Bürger aufs höchste, obwohl die Stadt mit ungewöhnlicher Milde behandelt wurde. Die niederhessischen Truppen müssen trotz des langen, schrecklichen Krieges eine beispiellose Manns- zucht gehabt haben. Wir hören von keiner einzigen Gewalttat der Soldaten gegen die Bürger, ausser einem Fall, wo ein be-