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Wer trug die Schuld an der Ubergabe der Stadt? Nach den vorliegenden Quellen ist es nicht leicht zu entscheiden. Sicher sprach die ungünstige Lage der Stadt mit ihren Vor- städten sehr mit, die Willich zwang, seine ohnehin schon schwachen Truppen zu verzetteln. Auch musste er wohl mehr Rücksicht, als ihm lieb war, auf die Sicherheit der jungen Prinzen auf dem Schloss nehmen und befahl deshalb den frühen Rückzug, um nicht vom Schloss abgeschnitten zu werden. Er selbst hatte die ganze Nacht an den bedrohten Punkten gestan- den und lange an der Bresche ausgehalten, auch alle Bitten der Bürger um Obergabe schroff abgelehnt. Diese letzteren scheinen den grössten Teil der Schuld zu haben, was das Protokoll des Stadtschreibers allerdings möglichst verhüllt. Vielleicht ist der alsbald mehrfach geäusserte Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass hessen-kasselsche Parteigänger die Bürger bearbeitet und zum Niederlegen der Waffen bewogen haben, ¹) vielleicht ist auch das gespannte Verhältnis zwischen dem Kommandanten und der Bürgerschaft schuld. Er selbst schreibt,²) als er am Tage vor dem Angriff durch Weidenhausen geritten sei, seien von 75 wehrhaften Weidenhäusern,„die doch für die wehr- hafftigsten und tapfersten in der gantzen Stad gehalten werden,“ nur ein Fähnrich mit 2 Mann und einem Trommler seinem Befehl gefolgt. Als dann die Bürger haufenweise ihre Posten verliessen, verlor der alte 70 jährige Oberstleutnant offenbar den Kopf und zog, obgleich er eben noch erklärt hatte, er wolle den Sturmangriff abwehren, seine Truppen von den bedrohten Stellen, Untergasse und Lahntor, nach dem Markt zurück. Der einzige tatkräftige und umsichtige Verteidiger Marburgs war der ehe- malige Oberstwachtmeister Witte, er trieb mit gezogenem Degen die weichenden Soldaten auf ihre Posten zurück, besetzte das Lahntor von neuem und blieb in der Bresche stehen, bis er durch bündige Befehle auf das Schloss entboten wurde.
Am folgenden Tage schon schickte, die Bürgerschaft eine Gesandtschaft nach Kassel und bat, die 6 Kompagnien wieder
1) Vergl. weiter oben die Erwähnung hessen-kasselscher Parteigänger. 2)„Marb. Succ.“ 1645 Bl. 79. Kopie seines Berichtes an v. Eberstein in Giessen vom 3. XI. 45.


