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pallisadiert, auch ein Graben ausgeworfen, um die Stürmenden aufhalten zu können. Nach Mitternacht wurde aller Uhr- und Glockenschlag eingestellt. Tags zuvor war in allen Gassen aus- gerufen worden, dass jeder Bürger bei Leibesstrafe ein grosses Fass mit Wasser vor sein Tor setzen solle(das Wasser musste aber aus der Lahn geholt werden) und dass auf allen Plätzen grosse Wasserzuber oder nasse Häute aufgestellt würden, um dem Kugelregen Einhalt zu tun. Nach Mitternacht begann die Be- schiessung mit Feuerkugeln. Durch dieselbe wurden, wie später amtlich festgestellt wurde, 15 Häuser, meist zwischen Untergasse und Markt gelegen, beschädigt, einige so, dass sie fast unbewohn- bar wurden. Doch entstand infolge der guten Vorsichtsmassregeln kein Brand, es wurden auch keine Menschen verletzt, nur eine Kuh wurde totgeschossen. Als der Tag anbrach, begannen die Belagerer auch aus dem inzwischen ausgeworfenen Laufgraben die Ver- teidiger der Mauer zu beschiessen. Zwar wurde das Feuer durch Musketiere mit Hakenbüchsen und vom Schloss her von den Konstabeln mit Kanonen so lebhaft erwidert(im ganzen 336 Schüsse), dass zeitweise die Angreifer kaum das Geschütz zu bedienen wagten. Weil sie aber in guter Deckung lagen, erlitten sie keinen nennenswerten Schaden.¹) Dagegen gelang es ihnen bis gegen 10 Uhr morgens, in die Mauer eine 125 Fuss lange Bresche zu schiessen.²) Als sie sich nun mit Leitern und Faschinen vom Kämpfrasen aus zum Sturm anschickten, wurden die Bürger durch das Schreien der Weiber und Kinder„zag— haftig“. Besonders als Nachricht kam, dass der Feind die Wasser- leitung abgeschnitten hatte, verkrochen sich die Weiber und wollten„den feuerkugeln nit mehr einhalt tun“. Auch die Männer, die nun seit 14 Tagen Tag und Nacht in Bereitschaft gelegen und gewacht hatten, auch die ganze Nacht vorher das Feuergefecht gegen den Feind unterhalten hatten, wurden jetzt schwierig, und einige von ihnen liefen, ohne Rat, Regierung oder Kommandant zu fragen, vom Grün und Pilgrimstein aus mit einem Trommler hinaus und begehrten von Geysso Waffenstill-
1) Nach„Marburger Succession“, Conv. 80 Bl. 67 sollen die Nieder- hessen 37 Mann, darunter 1 Major und 1 Hauptmann verloren haben.
2) Im ganzen wurden 16 Schüsse mit Feuerkugeln in die Stadt ge- schossen und 115 Schüsse gegen die Mauer.


