5
des Oktober in München und nahm hier nun offenbar den Reiseplan, den er dreiviertel Jahr vorher in Innsbruck hatte fallen lassen müssen, wieder auf, indem er von München aus sich durch Bayern, Franken— Weihnachten 1776 und Neujahr 1777 weilte er in Nürn- berg— die Rheinlande nach Holland wandte, wo seine Reise im August 1777 in Leiden endete. So durchquerte er Deutschland gleichsam in drei groſsen Diagonalen, deren Endpunkte sind: Göttingen— Wien, Königsberg— München, München— Leiden.
Sehen wir uns nun die Personen näher an, die sich in das Stammbuch ein- geschrieben haben, so merken wir bald, dals es eine sogenannte gelehrte Reise ist, die Soermans unternommen hat, wie man sie vielfach noch zu jener Zeit zu machen pflegte. Man ging auf Reisen, um durch eigene Anschauung sich richtige Kenntnisse von Land und Leuten zu verschaffen, da es an geeigneten Büchern noch gebrach. Es sind vor- nehmlich Gelehrte und Schriftsteller, auch höhere Staatsbeamte, die Soermans aufgesucht hat; von Künstlern findet sich nur der Musiker Joh. André in Offenbach, aber kein Maler und kein Bildhauer. Dem Leser wird hierbei die Scene in Goethes Faust zwischen Mephistopheles und dem Schüler und Goethes Erzählung in Wahrheit und Dichtung (XII. Buch) von seinem Besuche bei dem Gieſsener Professor Höpfner einfallen, wo ja auch das Stammbuch eine Rolle spielt, nur dafs diese beiden Besuche eine humoristische Wendung nehmen, während wir uns hier überall einen ernsten und würdevollen Hergang vorzustellen haben. In Soermans' Stammbuch sind alle Bekenntnisse vertreten: Protestanten und Katholiken, unter jenen Lutheraner und Reformierte; ebenso in der Wissenschaft alle Zweige derselben und in der Litteratur alle ihre Richtungen. Unter den Theologen finden wir Supranaturalisten und Anhänger des Rationalismus, unter letzteren Joh. Sal. Semler, den„Vater des Rationalismus“ selbst; unter den Lehrern der Philosophie Anhänger der Leibnizschen und Wolff'schen Richtung und Kant. Von Litteraten erscheinen Dichter und Popularphilosophen, unter jenen Anakreontiker und Barden; ältere Dichter, deren Verdienste fast schon vergessen waren, und jüngere, die sich zu dieser Zeit des höchsten Ansehens und gröfster Popularität erfreuten, aber schon im Begriffe standen, noch jüngeren, unseren eigentlichen Klassikern, das Feld zu räumen.
Die Art, wie sich die Personen in der Widmung genannt haben, ist sehr mannig- faltig. Die Einen begnügen sich mit der bloſsen Nennung ihres Namens. Andere fügen ihre Titel und Würden hinzu. Wenn manche in der Aufzählung ihrer Imter sehr aus- führlich sind, so ist der Grund von dieser Umständlichkeit gewiſs nicht immer in Fitel- keit und Prahlsucht zu suchen, sondern vielmehr in einer gewissen Förmlichkeit, die zu jener Zeit noch allgemein herrschte, und in einer gewissen Feierlichkeit, von der der ganze Vorgang begleitet war.
Die Wahl- oder Denksprüche, mit denen sich die Personen eingezeichnet haben, sind, so kurz sie auch in der Regel sind, doch häufig für die ganze uns anderweitig bekannte Denk- und Handlungsweise der Einzelnen charakteristisch; sie sind mehr als blolse Erinnerungszeichen, es sind Lebensgrundsätze, Maximen. In vielen Fällen besteht eine deutliche Beziehung zwischen jenen Sprüchen und den eigentümlichen Lebensschicksalen der einzeichnenden Person, die man näher kennen mufs, damit jene Bezichung erst recht verständlich wird. Manche Eintragungen sind unter dem Findruck augenblicklich obwaltender Lebensumstände und Stimmungen gemacht und verfen daher oft in überraschender Weise ein aufklärendes Licht auf die Beweggründe und Absichten, von denen sich die Ein-


