——
Der Kreis seiner Verehrer erweiterte sich; Gelehrte und wer sonst Anspruch auf Bildung machte, unterlieſs bei einem Besuche der Hauptstadt nicht, Mendelsschns persönliche Bekanntschaft zu machen. Da(i. J. 1769) erfolgte der schmerzliche Riſs in die Seele des Philosophen durch den übereilten Schritt Lavaters, der in der Vorrede zu seiner Ubersetzung von Bonnet's„Philosophischer Untersuchung der Beweise für das Christentum“ eine förmliche Aufforderung an Mendelssohn richtete, Bonnets Beweise für das Christen- tum zu widerlegen oder selbst zum Christentum überzutreten. Diese Zumutung versetzte Mendelssohn in die peinlichste Verlegenheit, und wenn er auch mit ruhigem und sicherem Takt seine Antwort erteilte und durch Lavaters edlen Sinn und offenherziges Zugeständnis seiner Ubereilung sich bald wieder ein würdiges Verhältnis zwischen beiden Männern herstellte, so wurde er doch in unaufhörliche Unruhe versetzt durch die nachfolgenden in aller öffentlichkeit geführten Kämpfe, indem sich nun neue Streiter von hüben und drüben erhoben und den Streit mit Leidenschaftlichkeit und mit unedlen Waffen fort- setzten. Die Folge all des Irgers und der Aufregungen für den feinfühligen und körper- lich schwachen Mendelsschn war, daſs er zunächst(im Februar 1771) in eine lebens- gefährliche Nervenkrankheit verfiel, und als er davon genas, sich für die folgende Zeit aller geistigen Arbeit enthalten muſste. Und auch in dieser Zeit(1776) waren die Nachwirkungen jener Nervenkrankheit noch so stark, daſs er seine gelehrten Arbeiten auf die Morgenstunden von 5 bis 9 Uhr einschränken muſste. Alles was er als Schrift- steller seit 1770 bis an seinen Tod geleistet hat, ist in diesen vier Morgenstunuden niedergeschrieben worden; denn er stand jeden Morgen regelmäſsig um 5 Uhr auf und um 9 Uhr begab er sich in sein Comptoir. In der Zeit von 1771, wo sein in hebräischer Sprache verfaſster Kommentar zum Prediger Salomo, bis 1778, wo die„Ritualgesetze der Juden“ erschienen, die er, um einem Befehl der Regierung nachzukommen, auf Ver- aulassung des damaligen Oberrabiners verfafſste, hat er überhaupt nichts besonders nennenswertes geschrieben. Wielands Aufforderung zur Teilnahme an seiner Zeitschrift, dem„Deutschen Merkur“, hatte er 1773 abgelehnt; nur im zweiten Teil von Engels „Philosoph für die Welt(1777)“ finden sich zwei kurze Stücke von ihm. Zur Kräftigung seiner Gesundheit unternahm er in den Jahren 1773 und 1774 zwei Reisen in das Bad Pyrmont. Auf der letzten, im Juli und August 1774, mufs es geschehen sein, wo die Studenten in Göttingen sich abends vor dem Hause, in dem er übernachtete, versammelten und ihn, den berühmten Philosophen, mit Musik begrüſsten. Es war das letzte Semester, das Soermans in Göttingen zubrachte, und er könnte ein Zeuge dieses Vorganges ge- wesen sein. Die Reisen, die Mendelsschn in den folgenden Jahren unternahm, waren eigentlich Geschäftsreisen; sie muſsten ihm zugleich zur Erholung dienen, wie er denn in diesem Jahre 1776 eben im Begriff stand, eine solche Reise nach Dresden anzutreten. Schon während seines Streites mit Lavater hatte er, zunächst um einem inneren Be- dürfnisse zu genügen, es unternommen, die Psalmen zu übersetzen. Diese Arbeit ge- währte ihm Trost und Beruhigung. Sie hat ihm, wie er selbst in der Vorrede zu seiner Ausgabe vom Jahre 1783 sagt, in den zehn Jahren, die er damit beschäftigt war,„viele angenehme Stunden verursacht, so manches Leiden versüſst“. Uber die Art seines Arbeitens gibt er uns an derselben Stelle weiter genauere Auskunft:„Ich habe die Psalmen, sagt er, nicht in ihrer Ordnung, nach einander weg, übersetzt; sondern wählte
mir einen Psalm, der mir gefiel, der zu der Zeit mit der Lage meines Gemüts über- 3*


