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Die Verdienste Schillers um die Ästhetik
Entstehung
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Wenn die plastische Objektivität der Alten darin besteht⸗ dass sie scharf gezeichnete Erscheinungen des zusseren und inneren Lebens für sich sprechen lässt, ohne mit weiteren Worten Gefühle dafür zu erregen, so liegt noch keine innere Nötigung darin, dass der sen- timentale Pichter von seinem idealen Standpunktc dieselbe Darstellung verfehlen würde, obgleich die Versuchung zur Subjektivierung des Vortrags grösser ist. Und wenn selbst die Alten in ihrer lyrischen und dramatischen Poesie nicht immer bloss plastische Bilder ohne Hindeutung auf Ideen und Ideale darstellen, sondern auch stürmische Bewegungen des mensch- lichen Gemüts zum Ausdruck bringen, so kann man mit Recht fragen, warum der sentimen- talen Weltbetrachtung versagt sein sollte, ihre Ergebnisse mit demselben Grade der Objek- tivität auszudrücken. Nur müssen wir Sentimentalität nicht in jene Empfindsamkeit setzen, welche in ihrem subjektiven Ergehen über die Schranken gesunder Phantasie und echter Volkstümlichkeit hinausschreitet. Unsere altdeutschen Dichter hatten kein griechisches Klima, noch grichisches Leben und trafen doch den objektiven Ton für ihre epischen Dich- tungen; unsere Volkslieder sind oft sentimental genug, und doch tritt uns in ihnen Naivität und Objektivität in ansprechender Weise entgegen.

Und nun vollends Shakespeare wenn Schiller diesen unzweifelhaften Vertreter der sentimentalen Weltanschauung mit Homer auf gleiche Linie der Naivetät setzt, so peruht das eben in nichts anderem, als dass Schiller Objektivität der künstlerichen Dar- stellung mit Naivetät der Stimmung verwechselt. Darum ist seine Alternative: alle Dichter Sind entweder naiv oder sentimental, nicht zutreffend, ihr Gegensatz nicht ausschliesslich.

Ja, Schiller selbst bezeichmet es als einen Gegensat? nicht der Zeit, sondern viel- mehr der Manier. Gleichwohl ist für ihn sentimentalische Pichtung und subjective Par- stellung keineswegs gleichbedeutend. Das Sentimentalische trägt nach seiner Fassung zwar das Subjektive in sich, wird aber davon nicht erschöpft und gedeckt, erscheint bei Schiller nicht als Schwäche und Mangel, sondern als uberströmende Kraft und Fülle, die den Gegen- stand durchdringen und beseelen, aus einem beschränkten zu einem unendlichen vertiefen und erweitern soll.

In diesemUberschuss idealisierender Selbstthätigkeit, in der überwiegenden Neigung vom Allgemeinen aus das Besondere, von der Idee aus die Wirklichkeit zu gestalten, liegt tür Schiller der Grundzug sentimentalischer Dichtung und namentlich seines eigenen Genius. Das ist denn auch das Ziel seiner Auseinandersetzung: diese seine Richtung neben der naiven Art der Alten geltend zu machen, und wenn nicht höher, doch durchaus gleichberechtigt neben Göthe zu stehen.Schiller, sagt Hettner, war sich klar bewusst, dass die Kunst der Neueren, so sehr sie an sinnlicher Fülle und Anschaulichkeit hinter der Kunst der Alten zuruck stehe, an Tiefe des geistigen Gehalts sie übertreffe. Und so sehr er die ruhige und hoheitsvolle Naivetät Göthes bewunderte, ein Etwas lebte und wirkte ununterdrukbar in Schiller, dessen Berechtigung und eigenartige Schaffenskraft ſer auch Göthes Eigentümlichkeit gegenüber unwankbar aufrecht erhielt.

Nach dieser generellen Auseinandersetzung wendet Schiller seinen Grundgedanken auf einzelne Dichtungsarten an, auf die Satyre, Elegie und die Idylle. Und was er darüber sagt, gehört zu dem Tiefsten und Unumstösslichsten, das je über Poetik geschrieben ist;