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sind sie Parstellungen unserer höchsten Vollendung im Ideale, daher sie uns in eine erhabene Rührung versetzen.“
Naivität macht das Wesen der alten Griechen aus.„Bei ihnen, sagt Schiller, artete die Kultur nicht soweit aus, dass die Natur darüber verlassen wurde. Sie empfanden natürlich, wir empfinden das Natürliche— etwa mit demselben Gefühle, womit wir die verlorene Unschuld der Kindheit beklagen.“
Dichter werden entweder Natur sein, oder sie werden die verlorene suchen. Jenes macht den naiven, dieses den sentimentalischen Dichter.
Bei letzterem, dem sentimentalen Dichter, ist, auch im künstlichen Znstande der Kultur, die Natur noch die einzige Flamme, au der sich sein Dichtergeist nährt; nur steht er in einem ganz anderen Verhältnis zu derselben. Er kommt zur Betrachtung der Natur sowohl als des inneren Lebens mit anderer Stimmung. Unter der Erinnerung an seine eigne Bestimmung und im Hinblick auf das Ziel, das der Welt im ganzen gesetzt ist, nimmt er die Dinge nicht wie sie sind, sondern vergleicht sie mit ihrem Ideal, erhebt sie zum Ideal.— Die alten Dichter rühren uns durch Natur, durch sinnliche Wahrheit; die neuen rühren uns durch Ideen. Der naive Dichter beschränkt sich auf Darstellung der Wirklich- keit; der sentimentale reflektiert zugleich über seinen Gegenstand und hat es mit der Idee sowohl wie mit der Wirklichkeit, mit deren Begrenzung und mit dem Unendlichen zu thun.
„Für Mängel und Vorzüge der Wirklichkeit in erhöhtem Grade empfanglich sucht der Sentimentale die Einfachheit idyllischer Schönheit und unverfälschter Natur auf, beklagt elegisch die unvermeidlichen Upel, welche der Lauf der Dinge im natürlichen und geselligen Leben mit sich führt, oder verfolgt satyrisch die Unvollkommenheiten, welche zu diesen die missbrauchte Freiheit des menschlichen Handelns ohne Not hinzufügt.— Es ist unnötig, fährt Lotze(n seiner Geschichte der Asthetik p. 357) fort, dies Bild der sen- timentalen Stimmung weiter auszumalen; denn Schillers scharfe Zeichnung hat es für immer festgestellt.— Nicht durch positive Züge ebenso deutlich bezeichnet hat er ihr Gegenbild, die naive Stimmung; was sie sei, müssen wir aus verschiedenen Stellen seiner etwas verschlungenen Parstellung entnehmen.“
Und nun weist Lotze, dessen meisterhafter Kritik wir hier nur in dürftigem Auszuge folgen können, mit Evidenz nach, dass die besondere Stellung der Griechen zur Natur nicht, wie Schiller meint, in einer innigeren Gemeinschaft mit der Matur, nicht in grösserer Naturmãssigkeit des Lebens ihren Grund habe, sondern in ihrem öffentlichen Wesen, worin ihnen der Staat, ihr Bürgertum über alles ging und das Ideal einer höheren Welt fehlte.
„Es ist, Sagt Lotze, ein Stein des Missverständnisses, den Schiller sich am Anfang selbst in den Weg geworfen hat, dass er die sentimentale Stimmung nur aus verlorener Natürlichkeit herleitet, folglich als einen Rückschritt der Natur ansieht, während er ihr doch für sich selber einen berechtigten Platz in der Poesie vindizieren will; und dieses Miss- verstündnis peruht hauptsächlich auf einer„Verwechselung der Stimmung der Phantasie,
welche der Weltbetrachtung zum Grunde liegt, mit dem künstlerischen Vortrag ihrer Ergebnisse“.


