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diesen seinen neuen Freund, dass er das Manuskript der ästhetischen Briete„mit grossem Vergnügen gelesen und auf Einen Zug hinuntergeschlürft habe als einen köstlichen Trank“.
Die Vorliebe für den Dichter öffnete auch Herz und Ohr für dessen philosophische
Versuche. Kants Grundsätze sind in dem gefälligen Gewande, das ihnen Schiller gab, die Asthetik jener Zeit geworden.— Man praucht die ästhetischen Briefe nicht gerade in
Zimmermanns überschwänglicher Weise als das schönste Denkmal ästhetischer Spekulation anzusehen, und wird doch gern das grosse Verdienst anerkennen, das sich Schiller in ihnen um die Wissenschaft des Schönen erworben hat.
Aber mit dieser gewiss mühsamen Arbeit schliesst auch seine eigentliche philosophische periode ab. Von der dürren Heide der Spekulation trat Schiller wieder auf die frische grüne Weide der Poesie.
Gleich nach der Vollendung der ästhetischen Briefe, im August 1795, regte sich in ihm trotz körperlicher Leiden plõtzlich wieder die alte Lust des dichterischen Schaffens. Der Verkehr mit Göthe war es wohl besonders, der ihn aus seiner poetischen Lethargie aufweckte. Pine staunenswerte Frische und Fülle herrlicher Gedichte entströmte nun seinem Geiste, als da sind„Die Macht des Gesanges,“„der Tanzè,„Ideal und Leben“, die„Elegie“ oder„der Spaziergang“ u. 8. W. lyrisch-didaktische Dichtungen, die sich nach seinem eigenen Ausdrucke noch am Uffer der Philosophie halten, aber nach Inhalt und Form die Vertiefuug und Reife des Meisters bezeugen. Schon keimte und wuchs in ihm der Plan zum Wallenstein, während er auf Don Carlos nur noch geringschätzig zurücksah. Schiller fühlte seine volle Dichter- kraft und trug sich mit hohen Ideen.
Aber mit zwei Nebenbuhlern musste sein dichterisches Selbstgefühl sich erst aus- einander setzen: mit der griechischen Pichtung und mit Göthe. Je höher er die alten Griechen und den neu gewonnenen Freund in ihrer naturwüchsigen, objektiven Dichtungsart stellte, desto mehr drängte ihn die Frage, ob er in seiner idealen, mehr subjektiven Art als Pichter neben ihnen noch gelten könne,— eine Frage, ebenso stolz wie bescheiden, die Schiller in der Abhandlung„über naive und sentimentalische Dichtung“ zu lösen suchte.—
Um die antike und moderne Kunst, jede in ihrer Figentümlichkeit zu charakteri- sieren, unterscheidet Schiller zwischen zwei Geistesrichtungen und arstellungsweisen, zwischen naiver und sentimentalischer Dichtung. Jene sei der eigentumliche Vorzug der Alten, diese die besondere Stärke der Neueren. Naiv sei auch gleich den besten Alten der Genius Shake- speares und Göthes; in der künstlerischen Ausgestaltung des Sentimentalen dagegen peruhe sein, d. h. Schillers eigenes qichterisches Wesen, dessen Berechtigung und Kraft.
Naiv aber, um es nur kurz hier anzudeuten, naiv nennt Schiller, was reine und ganze Natur ist und in schlichter Finfalt über alle Künstlichkeit siegt. Naiv sind die Kinder.—„Sie sind, was wir waren; sie sind, was wir wieder werden sollen. Wir waren Natur, wie sie, und unsere Kultur soll uns, auf dem Wege der Vernunft und der Freiheit, zur Natur zurückführen. Sie sind also zugleich Parstellung unsrer verlorenen Kindheit, die uns ewig das Theuerste bleibt; daher sie uns mit einer gewissen Wehmut erfüllen. Zugleich


