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Die Verdienste Schillers um die Ästhetik
Entstehung
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die Herrschaft behauptet. Das Gemüt des Zuschauers und Zuhörers muss völlig frei und unverletzt aus dem Zauberkreise des Künstlers gehen. Von dem frivolsten Stoffe müssen wir zum strengsten Ernste und von diesem zum leichtesten Spiele übergehen können. Freiheit von Leidenschaft ist derunausbleibliche Effekt des Schönen. Nichts streitet mehr mit dem Begriff der Schönheit, als dem Gemüte eine bestimmte Tendenz zu geben.

Das sindgoldene Worte, ruft Zimmermann begeistert aus,darin das ästhetische Glaubensbekenntniss unserer klassischen Literatur liegt. Aber bei aller Anerkennung für die in den Briefen enthaltenen Wahrheiten und für die von ihnen ausgegangene ästhetische Anregung dürfen wir uns auch ihre Mängel nicht verhehlen.

Es ist schon keine leichte Aufgabe, der wortreichen und nichts weniger als knapp wissenschaftlichen Darstellung durch ein Labyrinth abstrakter und dunkler Gedanken zu tolgen und den Entwickelungsfaden festzuhalten. Selbst Tomaschek, der Schiller in seinem Verhältnis zur Wissenschaft wohl zu würdigen weiss, hält doch ein volles Verständnis der ästhetischen Briefe bei den allgemeinen Andeutungen ohne Beispiel und Belege kaum für möglich. Aber noch schwerer ist es, sich in ein System hineinzufinden, das von Kant nicht lassen und doch über ihn hinausgehen will. Stoff-, Form- und Spiel-Trieb das sind

beengende Schranken für Schillers freien und hohen Geistesflug, und unklar dazu. EFin

uneigentlicher, bildlicher Ausdruck, wie Spiel, passt nicht für wissenschaftliche Bestimmung eines Systematischen Hauptbegriffes, wie es denn schon inAnmuth und Würde ein un- klares Wort war, dass der Mensch nur spiele, wo er Mensch sei, und nur da es ganz sei, wo er spiele. Sodann kommt Schiller auch hier wie in jener Abhandlung mit sich selbst und seinen dichterischen Werken in Widerspruch, wenn er behauptet, dass bei einem wahren Kunstwerk der Inhalt nichts, die Form alles thue. Es lässt sich noch weniger ohne Uber- treibung sagen, dass in dem Schönen die Form den Stoff vertilgen müsse. Es trifft endlich auch seine Annahme nicht zu, dass je vortrefflicher ein Kunstwerk, desto allgemeiner auch die Stimmung sei, die es in uns zurücklässt, da diese vielmehr um so bestimmter und eigen- bümlicher sein wird, je mehr sich das Kunstwerk selbst durch eigentümliche, konkrete Gestalt auszeichnet.

Ueberblicken wir nun nochmals das Ganze dieser Schillerschen Arbeit, so finden wir zwischen den ersten und den späteren Briefen einen auffallenden Gegensatz, der zumeist wohl in den politischen Verhältnissen der damaligen Zeit und auch in Schillers nahem Verkehr mit Wilhelm von Humboldt seinen Grund hatte: in den ersten Briefen Frziechung zum Staate, in den späteren vielmehr Loslösung vom Staate; in den ersten Schönheit als Grundlage und Ziel der staatlichen Freiheit, in den späteren als Ersatz derselben.

Ihren Erziehungszweck am Volke haben diese Briefe nicht erreicht; denn sie sind nicht ins Volk gedrungen. Der populärste DPichter ist als Philosoph dem Volke nie zugänglich geworden. Aber die Gebildeten jener Zeit haben Schillers ästhetische Schriften gelesen und wieder gelesen uad haben reiche Anregung darin gefunden. Selbst Göthe, der sonst der Philosophie und namentlich der Kantischen nicht hold war und in späteren Jahren die von Schiller darauf verwandte Zeit und Mühe beklagte, schreibt damals im Oktoper 1794 au