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Schiller keine Rede. Wir sehen indess diese Briefe nur auf ihre Ausbeute für die Asthetik an. Aber auch dafür liegen die ersten neun Briefe, ob sie auch in ihrer idealistischen Anschauung vom Staate als ein oratorisches Meisterstück gelten, unserer Aufgabe fern.— Sie geben den niederschlagenden Eindruck der französischen Revolution kund und sprechen es als ihre Aufgabe aus, den Weg zur Freiheit durch die Schönheit hin zu zeigen. Aein die Erfahrung zeigt, dass mit der Kultur des Schönen nicht bloss der moralische und politische Verfall eines Volkes schr wohl zusammen besteht, sondern sogar noch durch dieselbe beför- gert wird. Das setzt Schiller selbst im zehnten Briefe gar trefflich aus einander.— Der Verlauf der Untersuchung verlässt auch diesen politischen Ausgangspunkt völlig und führt uns ausschliesslich in die Welt der inneren Bildung, der in sich befriedigten schönen Persön- lichkeit.„In der schamhaften Stille Deines Gemüts erziche die siegende Wahrheit, stelle sie aus Dir heraus in der Schönheit, dass nicht bloss der Gedanke ihr huldige, sondern auch der Sinn ihre Erscheinung liebend ergreife.“— Zur Erfüllung dieser Aufgabe werden wir durch zwei entgegengesetzte Kräfte gedrängt, die man, weil sie uns antreiben, ihr Objekt zu verwirklichen, ganz schicklich Triebe nennt. Der erste ist der Trieb der Sinnlichkeit, welche die Eindrücke der Aussenwelt in sich aufnimmt, der Sach- oder Formtriep, der von der Vernunft ausgehend die Sinnlichkeit zügelt und formt. Ihre Aufgabe ist nicht einseitige Herrschaft des einen über den andern, sondern ein solches Wechselverhältnis unter und zu einander, dass sich der Mensch zugleich als Materie empfindet und als Geist kennen lernt, und dadurch die„Idee der Menschheit“ in ihm zum Ausdruck kommt.— Dies ge- schieht im„Spieltriebe“, in welchem beide vereinigt wirken,„Werden mit absolutem Sein vereinbart wird.“ Statt blossen„Lebens“, worauf der sinnliche Trieb ausgeht, und statt blosser„Gestalt“, worauf der Formtrieb hinzielt, ist„der Gegenstand des Spieltriebs“ die „lebende Gestalt“— als Bezeichnung der Schönheit im weitesten Sinne.
Das soll also die Zauberformel sein, wodurch„der Bund und das Gleichgewicht zwischen Realität und Form“ geschlossen und das Schöne zur Anschauung gebracht wird. In der vollen Harmonie von Vernunft und Sinlichkeit sieht Schiller nicht nur das Ideal der Schönheit, sondérn der Menschheit überhaupt.— Dieses Gleichgewicht bleibt aber nur Idee, die von der Wirklichkeit nie ganz erreicht werden kann“. In der Wirklichkeit wird entweder der Form- oder der Stofftrieb üperwiegen, und dadurch eine mehr„auflõsende“ oder eine„anspannende“ Wirkung, eine„schmelzende“ oder eine„energische Schönheit“ erzeugt werden.—„Da in Wirklichkeit keine rein ästhetische Wirkung anzutreffen ist,“ heisst es im weiteren Verlauf der Briefe,„8o entlässt uns auch das vortrefflichste Kunstwerk doch immer in einer besonderen Stimmung und mit einer eigentümlichen Richtung des Gemüts. Je allgemeiner nun die Stimmung und je weniger eingeschränkt die Richtung ist, welche unserm Gemüte durch eine bestimmte Kunstgattung oder eins ihrer Werke gegeben wird, desto edler ist jene Gattung und desto vortrefflicher dies ihr Werk.“— In einem wahrhaft schönen Kunstwerk, behauptet Schiller weiter, soll der Inhalt nichts, die Form aber alles thun. Das eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters besteht darin, dass er den Stoff durch die Form vertilgt; und je imposanter und anmassender der Stoff mit seiner Wirkung sich vordrängt, desto grösser ist der Triumph der Kunst, welche über den Stoff


