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Die Verdienste Schillers um die Ästhetik
Entstehung
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und was sich daran knüpft, das Urteil über die bedeutendsten Vertreter dieser Dichtungs-

arten, von Haller und Klopstock an bis zu Göthe hin, das sind unvergleichliche Muster- 8 freisinniger Kritik.

Am Schlusse seiner Abhandlung Schiller noch von der naiven und der sen- timentalen Dichtungsart auf die entsprechenden Sinnesarten der Menschen, auf Realismus und Idealismus. Er tritt damit nach gewohnter Weise vom ästhetischen Gebiete auf das ethische über und vollendet hier, ohne es mit nackten Worten auszusprechen, seinen Grund- gedanken: wie das Ideal menschlicher Natur nur aus der innigsten Vereinigung des Realen uud Idealen, so kann auch das Ideal vollendeter Kunst nur aus der innigsten Verbindung und Br des Naiven und Sentimentalen hervorgehn.

Es konnte nicht ausbleiben, dass ein Werk, welches den Gegensatz zwischen antiker und moderner Kunst, zwischen objektiver und subjektiver Weltanschauung zum ersten Male ins Licht stellte und so tief und ernst auffasste, einen durchgreifenden Eindruck auf die ganze literarisch gebildete Welt ausübte. Von den Schriften W. v. Humboldts und der beiden Schlegel legt die ästhetische Literatur bis auf diesen Tag Zeugnis davon ab; man möchte sagen, der ganzen Kunsttheorie sind von da aus neue Gesichtspunkte eröffnet, ist von da aus ein neues Gepräge aufgedrückt. Wie viel dazu auch Schillers geist- und lehrreicher Brief- wechsel mit Humboldt und Göthe beigetragen hat, müssen wir hier unerörtert lassen.

Wir stehen am Schlusse unserer Aufgabe. Wir haben Schillers philosophische Schriften, die bedeutendsten wenigstens, auf ihr Verdienst um die Asthetik angesehen, haben (nach Kräften) ihre Vorzüge hervorgehoben, aber auch ihre Mängel nicht verschwiegen. Wie es an übertriebenem Lobe ihnen nicht gefehlt hat, weil es Worte des grossen Dichters sind mit dem vollen Glanze seiner oratorischen Piktion, so geht andererseits ein Mann, wie Solger, in der Verkennung soweit, dass er diesen Schriften allen Gewinn für die Wissen- schaft abspricht und ihnen einen ungünstigen Finfluss auf Schillers poetische Werke, besonders auf seine späteren Tragödien, zuschreibt.

Unser Abschluss aber lautet in Kürze dahin: Der Erste auf einem bis dahin un- bebauten Felde, hat Schiller im Schweisse seines Angesichts eine frische Saat von Ideen ausgestreut, aus der für Kunst und Wissenschaft eine reiche Ernte erwachsen ist.Diese ästhetischen Abhandlungen, sagt Lotze, werden für alle Zeiten eine der schönsten Zierden in unserer vaterländischen Literatur bleiben.

Die schönste Frucht aber haben Schillers Spekulationen getragen gerade in der volleren Reife, die von da an seine dichterischen Werke erlangten. Von diesen späteren Werken aus fällt ein günstiges Licht auf seine vorangegangene philosophische Arbeitszeit. Im Wallenstein und Tell, wie überhaupt in seinen späteren Gedichten, hat Schiller es gezeigt, dass in der rechten Poesie das Ideale und das Reale ihre ebenso notwendige wie schöne Versöhnung finden. Von diesen Dichtungen aus betrachtet muss sein Verdienst um die Asthetik noch in hellerem Lichte strahlen und von Schiller, dem Dichter und Asthetiker, mit doppelten Rechte sein Wort gelten:

Dem Verdienste seine Krone!

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