*
schöne Charakter über die sinnlichen Triebe. Diese„Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heisst ihr Ausdruck in der Erscheinung.“
Anmut und Würde sind also So wenig Gegensätze, dass sie vielmehr nur verschiedene Spiegelungen eines und desselben Charakterideals sind.
„Sind Anmut und Würde, jene noch durch architektonische Schönheit, diese durch Kraft unterstützt, in derselben Person vereinigt, so ist der Ausdruck der Menschheit in ihr vereinigt.“
Wie Schiller am Eingang dieser Betrachtung bedeutsam vom griechischen Mythus ausging, so kehrt er nicht minder bedeutsam auch am Schlusse zum Griechentum zurück. Nach diesem Ideal menschlicher Schönheit, sagt er, sind die Antiken gebildet, und er beruft sich ausdrücklich auf die Schilderung Winkelmanns, wo dieser in der hohen Schönheit antiker Statuen die Verbindung der Grazie mit der Würde sieht.
Nach dem Titel dieser Abhandlung„über Anmut und Würde“ kann man nur beanspruchen, dass sie über innere, sittliche Schönheit des Menschen handelt. So sagt sie denn auch nicht, worin die Schönheit der menschlichen Gestalt, und vollends nicht, worin Schönheit überhaupt besteht.
Sie bewegt sich überwiegend auf ethischem Gebiete und weilt mit Wohlgefallen bei der„schönen Seele.“
Nur soweit das Aussere ein Spiegel und Abbild des Inneren ist, handelt sie auch von äusserer Schönheit und schöner„Bewegung“— Dabei aber gerät Schiller,— infolge zu grosser Abhängigkeit von Kant— in den Widerspruch, dass er die völlige Gleichgültig- keit der schönen Form gegen ihren Inhalt behauptet und meint, eine Venus noch schön finden zu können, wenn auch eine Tigerseele in ihr wohnte.„Glücklicherweise“, sagt Lotze in seiner Geschichte der Asthetik,„führt ihn die Consequenz über diese Selbsttäuschung hinaus, und ist er, obwohl um dieser Ausserung willen mit Recht, doch im ganzen mit Unrecht zu den Verteidigern der Ansicht von der unbedingten Wohlgefälligkeit inhaltloser Formen gezählt worden. In seiner dichterischen Thätigkeit lebte Schiller diesem Satze so wenig, dass er die Schönheit der Form nicht selten durch die Uebermacht des Inhalts gefährdete; und selbst in dieser Abhandlung sicht er im Grunde alle Schönheit nur in der schönen Seele des Menschen und in ihrer sinnlichen Erscheinung, während sie der Natur nur in Ubertragung von Seiten des Menschen beigelegt werden könne.“
In der Abhandlung„über Anmut und Würde“ liegt so sehr der innerste Kern von Schillers ästhetischer und sittlicher Denkweise, dass sich um sie eine Anzahl anderer Abhand- lungen gruppiert(z. B.„über das Erhabene und über das Pathetische“ u. s. w.), die wesent- lich denselben Grundgedanken ausführen. In immer neuen Wendungen und Gestalten legt er unter verschiedenen Rubriken seine Grundanschauung dar. Die Bedeutung Schillers be- ruht nicht in der Fxtension, sondern in der Intension seiner Gedankenwelt. Uberall aber iet es ihm eigen und entspricht es dem Bedürfnis seiner hohen Seele, die schöne Form in innerer und inniger Bezichung zu dem höchsten sittlichen Gehalte zu betrachten.
Das zeigt sich schon in den kleineren Aufsätzen„über die nothwendigen Gren- zen beim Gebrauch schöner Formen“, wo Schiller gegen hohle Schöngeisterei sowohl


