— 10—
Auch der menschliche Geist selbot bildet sich seinen Körper durch die„Bewegungen, die er dessen Formen und Zügen auferlegt. So wie ein feindseliger, sich uneiniger Geist sogar die erhabenste Schönheit des Baues zu Grunde richtet, man unter den un- würdigen Händen der Freiheit das herrliche Meisterstück der Fh zuletzt nicht mehr erkennen kann, 80 sicht man auch zuweilen das heitere und in sich harmonische Gemüth der durch Hindernisse gefesselten Technik zu Hülfe kommen, die Natur in Freiheit setzen und die noch eingewickelte, gedrückte Gestalt mit göttlicher Glorie auseinanderbreiten.
Diese geistgeborene Schönheit ist es, welche Schiller im Gegensatz zur architektoni- schen Schönheit als„Anmut“ oder„Grazie“ bezeichnet.— Mit Recht kann er daher sagen, die che S mache dem Urheber der Natur, Anmut und Grazie dagegen ihrem Besitzer Ehre; jene sei ein Talent, eine Natur. gabe, diese persönliches Verdienst.
Es fragt sich nur, wie das Gemüt sittlich beschaffen sein muss, das sich am besten mit dieser anmutvollen Schönheit verträgt oder gar dieselbe Unbedingte Ver- leugnung und Unterdrückung der Sinmlichkeit kann es nicht sein. Schönheit ist nur da, wo auch der Natur ihre Freiheit gewahrt ist. Ebenso wenig kann es die unbedingte des Naturtriebes sein. Nicht nur moralischer, sondern auch ästhetischer Sinn wendet sich mit Ekel von einem Anblicke ab, bei dem nur die Begierde ihre Rechnung findet.— PDer gesuchte Zustand des Gemütes also, Schliesst Schiller, kein anderer sein, als ein solcher, worin Vernunft und Sinnlichkeit mit Z
Pieser Gemütszustand ist es, welchen Schiller als die Harmonie von Pflicht und Neigung auffasst, und worin er den Charakter der„Schönen Seeles setzt.„In einer schönen Seele ist es, wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonieren, und Grazie ist ihr een in der Erscheinung.“ n schöne Seele giesst auch über eine Bildung, der es an architektonischer Schönheit eine unwiderstehliche Grazie aus und oft sicht man sie selbst über Gebrechen der Natur
Der Begriff der schönen Seele in der Auftassung Schillers ist die reine und freie Heiterkeit der griechischen Kalokagathie.
Der zweite Teil seiner Abhandlung handelt nun von der sittlichen Würde.„80 wie Anmut der Ausdruck einer schönen Seele, so ist die Würde der Ausdruck einer er- habenen Gesinnung.“
Die dauernde„U ſebereinstimmung der Sinnlichkeit und der Vernunft im Menschen“, wie sie Schiller in der„schönen Seele“ voraussetzt, gilt ihm nur als Ideal.„Auf dem Natur- trieb beruht die Existenz des Menschen in der S In den Angriffen derselben hat der Mensch, um die Herrlichkeit einer schönen Seele zu erringen oder zu bewahren, Widerstand zu leisten. Er kann dies nur, indem er der Macht der Sinnlichkeit die Macht der Vernunft entgegenstellt. In diesem Kampfe verwandelt sich die schöne Seele in eine moralisch grosse oder erhabene. Denn„gross und erhaben und allein gross und erhaben ist
alles, was von einer Ueberlegenheit des höheren Vermõgens über die sinnliche Natur Zeugnis giept“.— Da erprobt es sich, was eine„schöne Seele“ und was nur ein sogenanntes gutes Herz ist. Während dieses im Kampfe Affekte der Sinnlichkeit unterliegt, herrscht der


