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Die Verdienste Schillers um die Ästhetik
Entstehung
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eine neue Zeit für Kunst und Kunstanschauung war heraufgekommen, und das war nicht zum geringsten Teil Schillers Verdienst.

Es trat nun aber für Schiller eine Zeit ein, wo er fünf Jahre hindurch dem dich- terischen Schaffen entfremdet wurde und sich mit grossem, fast aufreibendem Eifer auf ge- schichtliche und philosophische Studien warf. Seine Professur, die er im Mai 1789 in Jena antrat, die Kantische Philosophie, die dort mitForm und Stoff von allen Seiten auf ihn eindrang, die Lektüre der griechischen Tragiker, aus denen er selbst einzelnes übersetzte, und vollends sein eigener Bildungstrieb, der ausdunkeln Ahnungen von Regel und Kunst nach klaren Begriffen, aus jugendlicher Halbheit nach voller Mannesreife trachtete, das alles drängte ihn zu jenen Studien, über denen wohl seine Poesie eine Zeitlang verstummte, aber Kunst und Wissenschaft um so mehr sich in ihm vertieften.

Schiller, sagt Hettner in seiner Literaturgeschichte, wäre niemals dieser volle und grosse Mensch, niemals dieser volle und grosse Dichter geworden, hätte er diese schweren und langen und nach der Natur seines Geistes unerlässlichen Bildungskämpfe nicht voll und ganz ausgekämpft. Am 2. Februar 1789 schrieb Schiller an Körner:Das ist richtig, dass diese Piversion, besonders wenn sie einige Jahre dauert, einen sehr merklichen Finfluss auf meine erste dramatische Arbeit haben wird und, wie ich doch immer hoffe, einen glücklichen. Was ich auf meine einmal vorhandene Anlage und Fertigkeit Fremdes und Neues pfropfen mag, So wird sie immer ihr Recht behaupten; in anderen Sachen werde ich nur soweit glücklich sein, als sie mit jener Anlage in Verbindung stehen; und Alles wird mich am Ende wieder darauf zurückführen. In acht Jahren wollen wir einander wieder daran erinnern. Der Erfolg hat gezeigt, wie tiefblickend Schiller die Bedürfnisse seines Ent- wicklungsganges erkannte und beurteilte.

Durch die hochherzige Geldunterstützung, die ihm von Dänemark aus zu teil ward, der Nahrungssorge und dem schriftstellerischen Erwerbe enthoben, konnte er sich nun, von Kants Asthetik, der Kritik der Urteilskraft schon mächtig ergriffen, der philosophischen und vor allem der ästhetischen Spekulation nach Herzenslust hingeben, und die Früchte seines Forschens in einer Reihe von Abhandlungen niederlegen.

Zuerst war es die Grundlage aller Asthetik, die Begriffsbestimmung der Schönheit selbst, welcher Schiller all sein Sinnen und Denken zuwandte. Kants System hatte gerade hier eine empfindliche Lücke, Schiller suchte sie auszufüllen. Ohne einen objektiven Begriff der Schönheit giebt es keine Wissenschaft vom Schönen. Darum ist es Schillers hohes Verdienst, der Erste gewesen zu sein, der auf einen wissenschaftlichen Grundbegriff des Schönen drang. Seine neu gewonnenen Gedanken in einem DialogeKallias oder über die Schönheit zu veröffentlichen, ist nicht zur Ausführung gekommen. Aber der Hauptsache nach sind sie schon mitgeteilt in Schillers Briefwechsel mit Körner, besonders in den Briefen vom 8. und 18. Februar 1793. Aus Kantischen Grundsätzen folgert Schiller, dass Schönheit nichts anderes sei als Freiheit in der Erscheinung. In seiner Begeisterung für Freiheitt rägt er diese aus der sittlichen Welt auch in die schöne Sinnenwelt hinüber.Es ist gewiss, sagt er, von einem sterblichen Menschen kein grösseres Wort noch gesprochen, als dieses Kantsche, was zugleich der Inhalt seiner ganzen Philosophie ist: Bestimme Dich