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Selbsterziehung. Wenn dann ein solcher Mensch, von der Neigung geleitet, pflichtgemäß handelt, so ist seine Handlung deshalb gewiß nicht ohne moralischen Wert. Denn er heimst ja jetzt nur die Früchte seiner Arbeit an sich selbst ein. Eine solche Gemüts- beschaffenheit ist es, was Schiller unter einer schönen Seele ver- steht.
4. Aber natürlich wird es nie möglich sein, daß Pflicht und Meigung in allen Fällen Hand in Hand gehen; wo das nicht der Fall ist, muß selbstverständlich die Pflicht die Oberhand be- halten, auch wenn sie die schwersten Opfer verlangt. Da muß die schöne Seele dann erhabene Gesinnung beweisen, an Stelle der Anmut muß die Würde treten. Daß Schiller dies so nachdrück- lich hervorhebt, zeigt uns, daß er, eine Einseitigkeit Kants er- gänzend, nicht in die entgegengesetzte Einseitigkeit gefallen ist. Bei Besprechung der„Briefe über die ästhetische Erziehung“ hätte man natürlich überhaupt nicht auf die metaphysische, einst- weilen aber auch nicht auf die geschichtsphilosophische Konstruktion einzugehen, sondern vor allem den Kern des Werkes herauszuschälen: Die Lehre von dem erzieherischen Werte des Asthetischen. Die alte Anschauung, Kunst müsse belehren oder bessern, ist den Schülern seit langem bekannt und wahrscheinlich wissen sie auch, daß Schiller selbst in seiner Jugendabhandlung„Die Schaubühne als moralische Anstalt“ diese Ansicht vertreten hat; das könnte leicht ein Anlaß zu MiBverständnissen werden. Es ist also zunächst festzustellen, daß Schiller diesen Standpunkt längst überwunden hat und hier durch- aus nicht darauf hinaus will Aber wenn im Menschen eine innere Umwandlung vorgehen soll, so muß er erst aufgerüttelt werden, muß durch einen machtvollen Eindruck dem Gewohnten, dem Alltag entrückt werden. Sollen im Menschen niedere Interessen durch höhere, materielle durch geistige, egoistische durch solche der All- gemeinheit verdrängt werden, so müssen die einen erst an Kraft verlieren, damit die andern einsetzen können, und dies wird durch packende àsthetische Wirkungen vorbereitet, da ja für die ästhetischen Gefühle das Losgelöstsein vom Begehren charakteristisch ist. Und während der Mensch im Leben sonst meist einseitig in Anspruch genommen ist, appelliert die Kunst an den ganzen Menschen und weckt so schlummernde Kräfte. Die Kunst macht also den Menschen für erziehliche Einflüsse empfänglich; sie erzieht nicht selbst, aber sie bereitet der Erziehung und Veredlung des Menschen den Boden. Es wird nicht schwer sein, hier an persönliche Erfahrungen der Schüler anzuknüpfen. Die ganze Tragweite dieser Erkenntnis wird aber erst dann zu Tage treten, wenn gezeigt wird, wie diese Wir- kung nicht nur von eigentlich ästhetischen Eindrücken ausgeht,


