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Die Philosophie Schillers und der Deutschunterricht in den Oberklassen des Gymnasiums
Entstehung
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Würdigung des Standpunktes, den Schiller eingenommen hat. Man kann hiebei vielleicht zweckmäßig folgenden Weg einschlagen:

1. Die Schüler werden leicht erkennen, daß der Ausdruck einer moralischen Handlung im Kantischen Sinne nur die Würde, nie- mals die Anmut sein kann, denn Kant hat ja verlangt, daß das moralische Gesetz unter Ausschluß aller anderen Triebfedern wirke, und ist später so weit gegangen, Pflicht und Neigung in not- wendigem Gegensatz zu denken. Es läßt sich nun leicht darlegen, wie Kant das lebendige psychologische Geschehen zu sehr in das Schema eines gewissermaßen juridischen Vorganges gepreßt hat. Ein Richter allerdings kann einer Partei, die zwei Gründe vor- bringt, in Würdigung des Grundes A recht geben, während er den Grund B für belanglos erklärt. In unserm Seelenleben dagegen werden sich zwei Motive, die nach derselben Richtung wirken, notwendigerweise verstärken.

2. Die Ausschaltung der andern Triebfedern ist also psycho- logisch unmöglich. Sie ist aber auch gar nicht wünschenswert; denn die Ubereinstimmung der Neigung mit der Pflicht erspart dem Menschen viele Versuchungen, sie enthebt ihn schwerer Kon- fikte und ist ein wichtiger Faktor seines Glücks. Freilich ist da- bei die notwendige Voraussetzung, daß im Konfliktsfalle die Pflicht sich der Neigung gegenüber als die stärkere erweist. Bei einem solchen Menschen wird man allerdings mit Kant die Mehrzahl seiner Handlungen als moralisch indifferent bezeichnen müssen. Aber das hat eben Schiller Kant gegenüber mit Recht so betont bei der ethischen Beurteilung kommt es weniger auf die einzelne Handlung an als auf die Gesamtpersönlichkeit, weniger auf den Willensakt, als auf die Willensdispositionen. Der Trunkenbold, der in dem Vorsatz, sich zu bessern, unter heftigen inneren Kämpfen acht Tage lang kein Glas anrührt, hat zweifellos eine moralische Tat vollbraght; aber deswegen steht er unter sonst gleichen Umständen doch moralisch tiefer als der Nüchterne, der nicht einmal die Versuchung zum Trunke in sich fühlt.

3. Aber der Einklang von Pflicht und Neigung kann nicht nur ein Glück für den Menschen, er kann auch sein Verdienst sein; denn der Mensch hat es in der Hand, seine Neigungen mit seinen Pflichten bis zu einem gewissen Grade wenigstens in Uber- einstimmung zu bringen. Fine uninteressante Arbeit, die wir pflichtgemäß unternommen haben, wird uns mit der Zeit mehr oder weniger interessieren. Dem Unordentlichen, der sich an Ordnung gewöhnt, wird sie zum Bedürfnis. Wünsche, die wir zurückdrängen, schwächen sich mit der Zeit ab. In dieser Anpassung der Neigung an die Pflicht liegt eine Hauptaufgabe der Erzichung, vor allem der