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Die Philosophie Schillers und der Deutschunterricht in den Oberklassen des Gymnasiums
Entstehung
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können, daß für Schiller zwar die griechische Dichtung etwas Vollendetes, in seiner Art Vollkommenes, die moderne Poesie da- gegen etwas sehr Unvollkommenes, Entwicklungsbedürftiges sein wird, daß aber die Moderne für ihn doch von vornherein einen höheren Punkt der Entwicklung bedeutet. Wie kräftig in dieser Abhandlung das Selbstgefühl des modernen Poeten sich regt, wer- den die Schüler ohneweiters fühlen; und es wird jetzt auch nicht mehr schwer sein, ihnen klarzumachen, daß diese Abhandlung das Ende des Renaissanceideals in der deutschen Poetik bezeichnet, insbesondere wenn man darauf hinweist, wie rasch sich die auf- kommende Romantik dieser Gedanken bemächtigt und wie kräftig sie dieselben ausnützt.

Bisher ist den Schülern gegenüber vor allem betont worden, daß Schiller in der Philosophie ein Schüler Kants war, wenn auch natürlich die Differenz in ihren Standpunkten gelegentlich gestreift worden sein wird. Fine eingehendere Erörterung dieser Pifferen- zen¹) aber und der tiefsten philosophischen Gedanken Schillers, also des Hauptinhaltes der AbhendlungUber Anmut und Würde und derBriefe über die ästhetische Erziehung wird man, glaube ich, am besten für den Schluß der 8. Klasse aufsparen, vor allem des- halb, weil da in der Psychologie die ästhetischen und ethischen Gefühle bereits besprochen sind und die Schüler also festen Boden unter ihren Füßen fühlen werden. Es wird wohl schon früher notwendig geworden sein, die Begriffe derAnmut und der Würde kurz zu charakterisieren beide geknüpft an das Unwillkürliche an willkürlichen Bewegungen, die Anmut ein Ausdruck der Uber- einstimmung von Pflicht und Neigung, die Würde ein Ausdruck des Sieges, den die Pflicht über die Neigung davonträgt und sie an Beispielen, die die Abhandlung ja zahlreich an die Hand gibt, zu erläutern. Jetzt hebe man im Vorbeigehen her- vor, wie charakteristisch es für Schiller, den Dramatiker, ist, daß er aus dem ganzen Bereich der Schönheit gerade die Schön- heit des Menschen und auch hier wieder die Schönheit der be- wegten Gestalt, des handelnden Menschen, in den Bereich seiner Untersuchung zicht. Nun lasse man von den Schülern die Begriffe der Anmut und der Würde mit dem Kantischen Pflicht- begriff zusammenhalten und führe sie Schritt für Schritt zu einer

¹) Ieh gehe im folgenden von der Ansicht aus, daß ein prinzipieller Gegen- Satz zwischen Kant und Schiller in der Auffassung des Pflichtbegriffes allerdings pesteht und daß Schillers Einwendungen gegen Kant im wesentlichen das Rechte treflen. Bei anderem wissenschaftlichen Standpunkt des Lehrers wird sich na- turgemäß auch die Schulbehandlung dieser Frage anders gestalten müssen.