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Die Philosophie Schillers und der Deutschunterricht in den Oberklassen des Gymnasiums
Entstehung
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Naturzustande die Kultur unendlich entwicklungsfähig ist und es daher ermöglicht, daß die Menschheit in ständigem Fortschreiten sich immer mehr dem dritten Zustand nähert, ohne ihn freilich je völlig zu erreichen, der idealen Vereinigung von Natur und Kultur. Hier kann man dann an Rousseau anknüpfen, dessen Naturevan- gelium ja beim Sturm und Drang zur Sprache gekommen sein wird, und zeigen, wie Kant mit ihm in der Auffassung des gegenwärtigen Zustandes übereinstimmt, wie er aber an Stelle desZurück zur Natur! einVorwärts zu immer höherer sittlicher Entwicklung! setzt, wie also durch Kant und Schiller der Rousseausche Stand- punkt überwunden wird.

Das Vorbringen alles dessen wäre gewiß schon an sich völlig gerechtfertigt, da diese Gedanken, der Fassungskraft der Schüler völlig angemessen, ihren Gesichtskreis erheblich erweitern können. Aber auch die Lektüre desSpaziergangs wird sich ganz anders gestalten, wenn man an sie erst herantritt, nachdem diese Ideen geistiges Eigentum der Schüler geworden sind. Im andern Fall wird das poetische Gewand nur allzuleicht als ein Hemmnis erscheinen, durch das man sich zum Verständnis des Gedankens erst mühsam durcharbeiten muß. So aber werden die Schüler die Kunst bewundern können, die für den abstrakten Inhalt eine so wunder- volle dichterische Form gefunden hat.

Schillers Verhalten zu Kants Idee der Geschichte ist überdies ein einleuchtendes Beispiel, an dem man den Schülern klarmachen kann, wie große Geister auch dort, wo sie von andern empfangen, sich nicht damit begnügen, die Lehre dieser einfach zu übernehmen, sondern wie sie dieselbe mit ihren eigenen Gedanken verknüpfen und selbsttätig weiterbilden. Man wird die Schüler darauf aufmerksam machen, daß Schiller welthistorische Perspektiven auch vor Kant geläufig waren, wobei man vielleicht auf seine Dissertation hin- weisen kann. Seine geschichtsphilosophischen Gedichte, vor allem derSpaziergang, zeigen dann, wie unter Kants Einfluß Schillers Geschichtsauffassung an Bestimmtheit, gewissermaßen an Rückgrat gewinnt, vor allem durch die Finteilung des histo- rischen Prozesses in drei Hauptphasen. In der Abhandlung Uber naive und sentimentalische Dichtung aber führt dann Schiller den Kantischen Gedanken selbständig weiter, indem er ihn auf die Entwicklung der Literatur anwendet. Ist man zur Besprechung dieser Abhandlung auf diesem Wege gelangt, so werden die Schüler ihre entscheidende Bedeutung leicht einsehen. Wenn man ihnen zeigt, wie an Stelle des Kantischen Gegensatzes Natur Kultur bei Schiller die Gegenüberstellung Griechen moderne Pichtung tritt, werden sie schon selbst zu dem Schlusse gelangen