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Die Philosophie Schillers und der Deutschunterricht in den Oberklassen des Gymnasiums
Entstehung
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So gelangt man zum Begriff des Erhabenen. Es wird nun zu er- klären sein, warum solche Eindrücke, als deren Wirkung man doch zunächst Unlust erwarten sollte, trotzdem Lustgefühle hervor- rufen. Einige Beispiele, die zeigen, wie in bestimmten Situationen dieses Lustgefühl in den Hintergrund tritt oder ganz verschwindet, werden lehren, daß es eben nur dann eintritt, wenn wir ans von dem Hberwältigenden doch nicht überwältigen lassen, wenn wir die Freiheit unserer Persönlichkeit ihm gegenüber behaupten, wenn wir uns im Anschauen des Großen zwar klein fühlen, uns aber doch wieder zu dem Großen erheben.

Bei der Wichtigkeit, den der Begriff des Erhabenen für das Drama hat, wird ein längeres Verweilen bei ihm und ein Illustrieren durch zahlreiche Beispiele gewiß fruchtbar sein.

Noch aber haben wir gerade die Lehre Kants nicht berührt, durch die Schiller am frühesten beeinflußt wurde: Kants Geschichts- philosophie. Den Kern derselben müssen die Schüler ja bei der Lektüre desSpaziergangs auf jeden Fall erfahren. Aber ich glaube, gerade hier zeigt sich pesonders deutlich, wie viel durch eine etwas weiter ausholende, selbständige Behandlung der Ideen zu gewinnen ist, die Schillers Dichtungen zugrunde liegen. Man wird zunächst klarmachen, wie gegenüber dem ungeheuren Tat- Sachenmaterial der Geschichte für den Historiker das Bedürfnis nach allgemeinen Gesichtspunkten entstehen muß, nach denen er dieses Material ordnen, nach denen er entscheiden kann, was wichtig und unwichtig ist; auch beim Aufsuchen der Tatsachen wird er ja einer solchen allgemeinen Richtschnur nicht entbehren können. Die Schüler werden dann Kants Geschichtsphilosophie als einen großartigen Versuch in dieser Richtung würdigen lernen; man wird sie aber dabei gleich autmerksam machen, welche Gefahren es mit sich bringt, an die Tatsachen mit einem fertigen Schema heranzu- treten, und wie leicht dies zu Willkürlichkeiten verleiten kann. Pabei wird es ein erwünschter Nebengewinn sein, wenn die Ver- suchung verringert wird, die gerade für begabte und gewandte Schüler besteht, sich durch die Lektüre von Schillers geschichts- philosophischen Gedichten selber auf das Gebiet historischer Kon- struktionen locken zu lassen; eine Erscheinung, die man öfters bei deutschen Hausarbeiten ergötzlich beobachten kann.

Pann schildere man die Kantische Theorie in ihren Haupt- zůgen: Wie der Mensch zuerst unter der Herrschaft der Natur lebt, beschränkt zwar, aber glücklich und ohne die Schuld zu kennen; wie er dann zur Kultur übergeht, die trotz ihrer Errun- genschaften den Menschen doch nicht gläcklicher macht und ihn in schwere sittliche Konflikte verstrickt, wie aber im Gegensatz zum