Druckschrift 
Die Philosophie Schillers und der Deutschunterricht in den Oberklassen des Gymnasiums
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3

sie freilich nicht führen kann, wenigstens zu zeigen, ihnen wenig- stens Andeutungen und Anregungen zu geben. Zu diesen allge- meinen Erwägungen kommen noch solche aus der Schulpraxis. Wie sorgfältig man auch bei der Auswahl der zu lesenden Gedichte vorgehen mag, stets werden einzelne Stellen ein Ein- gehen auf Schillers philosophische Ideen unbedingt erforderlich machen, wenn nicht die Erklärung zur Verflachung werden soll. Läßt sich also diesen Fragen keinesfalls vollständig ausweichen, so ist es doch gewiß richtig, noch einen Schritt weiter zu gehen und, statt sich auf fragmentarische Bemerkungen zu beschränken, eine gewisse Abrundung anzustreben. Was sonst nur dem Ver- ständnis einer einzelnen Stelle gedient hätte, wird so allgemeinere Bedeutung gewinnen. Auch wird es methodisch angezeigt sein, die Darlegung von Schillers Ideen der Lektüre jener Gedichte, zu deren Verständnis ihre Kenntnis notwendig ist, vorhergehen zu lassen. Denn diese Dichtungen bieten auch dann noch genug Schwierigkeiten, wenn man Schillers Gedankenkreis im all- gemeinen kennt, und es ist nicht zweckmäßig, diese Schwierig- keiten noch dadurch zu komplizieren, daß der Schüler erst durch die Gedichte selbst in Schillers Ideengang eingeführt werden soll.

Im folgenden soll der Versuch gemacht werden, die Haupt- linien dessen, was den Schülern aus dieser Materie mitzuteilen wäre, zu skizzieren. Natürlich kann es sich dabei nur um einen allgemeinen Rahmen handeln. Die einzelnen Partien werden bald flüchtiger, bald eingehender zu behandeln sein; das wird sich nach der Auswahl der Lektüre, vor allem aber nach der Begabung der Schüler richten, mit denen man es gerade zu tun hat. Von ent- scheidender Wichtigkeit wird es natürlich sein, immer von Beispielen auszugehen und das Abstrakte aus dem Konkreten her- aus zu entwickeln. Dadurch wird den Schülern auch am ehesten zum Bewußtsein kommen, daß es sich nicht um müßige Spitzfindig- keiten, sondern um Fragen handelt, die für den Denkenden von tiefer Bedeutung sind.

Bei dem maßgebenden Einfluß, den Kant für das Denken Schillers gewonnen hat, ist selbstverständlich von der Kantischen Philosophie auszugehen. à) Eine kurze Schilderung von Kants

¹) Liest man dieKünstler in der Schule, so muß man freilich die Leibniz- Baumgartensche Lehre von den niederen Seelenvermögen und von der Schönheit als Vorstufe der Wahrheit streifen. Man wird die Uberschätzung des Verstandes- mäßigen und Unterschätzung des Poetischen, die darin liegt, charakterisieren, dabei aber auch auf die Beziehungen hinweisen, die zwischen Kunst und Wissen- schaft tatsächlich bestehen. Bei der Lektüre derKünstler wird sich dann zeigen, wie Schiller der Kunst zu ihrem vollen Rechte verhilft.