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Über die Einführung unserer Jugend in die deutsche Literatur
Entstehung
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reichthum erhalten, der in der Unterredung nicht leicht herausgebildet wird; da ſoll er dabei den Reichthum ſeiner Sprache erfaſſen, der ſonſt für ihn wie todt da liegt, und mit dieſem Reichthum auch den Reichthum deutſcher Geſinnung, Gedanken und Gefühle. Denn Anſchauung und Wiſſen unterſtützen einander, was man angeſchaut weiß man, und was man weiß ſchaut man dann wieder richtiger an. Das Alles ſoll der Schüler thun im Schweiße ſeines Angeſichtes, durch eine für ſeinen Standpunkt angemeſſene, aber ſeine Kräfte anſtrengende Lectüre, daß er nicht auf die entnervende, verführeriſche Amüſementslectüre verfalle. Sie müſſen verdauen lernen, ſonſt legen ſie ſich ſpäter aufs Verſchlingen, was den Geiſt mit unbegriffenenen Ideen ausſtopft. Wir behüten ſie vor der Leſerei, indem wir ſie leſen lehren und den rohen Neugierigkeitstrieb zum gebildeten Bedürfniß erheben (Hieke). Mit eben der Anſtrengung mindeſtens, wie an ein techniſches Handwerk, aber mit tieferer Ehrfurcht und Hochachtung ſollen ſie den Quellen nahen, aus denen der Geiſt ihrer Nation in ſeinen edelſten Vertretern ihnen entgegenweht und ihnen ein Bild vorhält, an dem ſie ſchauenwes Geiſtes Kind ſte ſind! Welche Fülle des deutſchen Lebensodems umweht ſie, welche Tapferkeit, Aufopferungs⸗ fähigkeit, welche Tiefe, welches Gemüth, unergründlich an Frömmigkeit, Kindlichkeit, Wahrheit, an edler Liebe, an Freiheit, welch hochaufſtrebender Sinn, welcher Seelenenthuſiasmus, welcher Reichthum an Klarheit, Welterfahrung, Verſtändigkeit, welche Schärfe, Heiterkeit, Ruhe, Behagen, Beſchaulichkeit, welche Geübtheit in den Kämpfen des innern und äußern Lebens, wenn ſie in die Hallen treten, in welchen Luther, Gerhard, Flemming, Leſſing, Klopſtock, Möſer, Herder, Göthe, Schiller noch lebend wohnen! Mögen wir nicht leugnen, daß an feiner Eleganz, an Lebendigkeit der Phantaſte, an Energie der Welt⸗ und Menſchenbetrachtung andere Literaturen in einzelnen Punkten die unſere übertreffen; aber ſeit die Bibel, Homer und Sheakeſpeare durch ſolche Meiſterüberſetzungen bei uns eingebürgert ſind, unſere proteſtantiſche Literatur aus der Bibel und ein Theil unſerer ſchönſten Meiſterwerke aus Voſſens Homer Nahrung gewonnen: ſo ſind auch dieſe uns nicht fremd und dienen zur Bildung des deutſchen Geiſtes. Aber an umfaſſendem Reichthum, an Wahrheit der Ideen und an großartiger Mannigfaltigkeit der Weltanſchauung übertrifft unſere Literatur alle andere, ſie iſt eine Lehrmeiſterin vor den andern, und an Reinheit und Seelenadel thut ſie es ihnen weit zuvor. Jeder dieſer Geiſter iſt eine deutſche Welt für ſich, nach keiner vorherrſchenden Hof⸗Uniform zugeſchnitten, und doch darin alle eins, daß ſte deutſch ſind, jeder Zoll an ihnen ein Deutſcher iſt, ſie ſind eben ſo viele glänzende Seiten deſſelben deutſchen Edelſteins, gebildet und geſchliffen und den reichen Farbenglanz zur Anſchauung bringend, einem jeden vorbedeutend, den er ſelbſt ſtrahlen kann, wenn er ſich ihrer Bildung unterwirft.

Wer kennt in der Erziehung und Bildung noch ein anderes Mittel dem gleich, was wir in der Hochachtung und Liebe gewonnen haben, wenn es uns gelingt, ſie auf die rechten Gegenſtände hin zu lenken, wenn es uns gelingt, dieſe beiden Gefühle ſo feſt in der Seele zu begründen, daß ſie ſelbſt im gewaltigſten Sturme der Verwirrung nicht irre werden; ſondern jede Probe, ſelbſt die Probe der egoiſtiſchen Leidenſchaft beſtehen? Von dieſer Art muß wer will es leugnen, die Vaterlandsliebe ſein, die Liebe zum eigenen Volke. Wenn etwas, ſo muß dieſe unbedingt ſein, zu jeder Hingabe, zu jeder Selbſtverleugnung geſchickt. Denn dieſe Liebe an gewiſſe von uns geſtellte Bedingungen zu knüpfen, heißt egoiſtiſch ſich ſelbſt lieben und ehren, und würde uns gerade, wenn unſer Volk niedrig und geſunken wäre, ihm entziehen. Nein, gerade dann gehören wir ihm doppelt an, aber ohne Vorausſetzung der Ehrfurcht vor, und der Liebe zu ſeinem Geiſte würden wir ihm mehr ſchaden, als