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ſie deutſch wurden? Woher beide, wie Antäus, ihre Kraft holten, mag man ſelber leſen. Sie berührten beide wieder die Muttererde, die Mutterſprache,— das Volk!
Und von der andern Seite, von dem höhern Adel, den Fürſten, von ſeinen Lenkern, reſpective Drängern in Krieg und Frieden, was konnte ihnen da kommen, was Gutes aus Nazareth, was aus Jeruſalem! ſie ſprachen, dachten, fühlten, lebten, handelten franzöſiſch. Und immer noch eher läßt ſich der Deutſche mit Nutz in einen römiſch hochtönenden Pedanten umwandeln, als in einen frivolen Wind⸗ beutel*). Welcher Hohn traf nun unſer Volk, da er ja ſelbſt unſere Vornehmſten traf, die in der
Rathloſigkeit der unſelbſtändigen Aufnehmerei vom franzöſiſchen, ſlaviſchen, magyariſchen, wälſchen, engliſchen Adel überall her aufnahmen. Der höchſten Stände Geiſt, Bildung, Geſchmack, Denk⸗ Sprechweiſe nicht auf unſerm Boden erwachſen, in unſerer Natur kein Symbol findend, nicht aus unſerer religiöſen, bürgerlichen Vaterlandsart**) hervorgegangen, das natürliche Haar abgeſchnitten, geklebte Perücken aufgeſetzt! War es ein Wunder, wenn ſelbſt die, welche reich genug waren, ihre Kinder von Jugend auf an der Hand der Maitres und Bonnes aufwachſen zu laſſen, nur eine widerliche Vermählung der Natur mit der Lüge erzielten, geſchweige nun gar die, welche von allen dieſen Herrlichkeiten nur etwas durch die Thürſpalte abgelauſcht hatten und nun dieſe Karikatur noch einmal karikirten.
So war die Maſſe des deutſchen Volkes zwiſchen zwei abſtoßende Pole geſtellt und verödet. Die Quellen des Wiſſens und der Weisheit blieben ihm verſchloſſen; da wo höhere politiſche Einſicht und Thatkraft, verfeinerte, veredelte Sitte herrſchen und über das Volk ausſtrömen ſollte, damit es auch nach dieſer Seite hin nicht unberathen und ohne Frucht bleibe, wies man ihm höhniſch und verächtlich die Thür, die man jedem Marquis mit unzähligen Bücklingen zuvorkommend öffnete. Die Stände riſſen innerlich von einander ganz los, das Volk war kein organiſches Ganze, und es kam dahin, daß dieſes zuletzt die Demüthigung und Mißhandlung ſeiner Großen durch das ausländiſche Volk mit Gleichgültigkeit, ja mit Schadenfreude ſah, nachdem es oft genug von jenen um Geld verkauft worden war. So gingen ſie einander nichts mehr an, bis ſie endlich den Schaden ſahen, ihn durch Eintracht ſchnell und ruhmvoll heilten. Aber woran hat ſich denn das deutſche Volk, von ſeinen Gelehrten, ſeinen Großen verlaſſen, von allem großartigen Leben ausgeſchloſſen, woran hat es ſich denn erhoben und gewärmt? An ſeinem unverwüſtlichen Herzensreichthume, an der Bibel, an ſeinen herrlichen Liedern!— und als Klopſtock da anknüpfte, da durchfuhr ein electriſcher Schlag ſich wiederfindender Freude alles Land von Hamburg bis Zürich, von Curland und Königsberg bis Wien, und in der Hofburg bewunderte man die Lieder, an denen der Bauer in der Dorfkirche, das einſame Herz in trauriger Nacht ſich tröſtete, und griff nach ihnen, wenn ſonſt nichts verfangen wollte. Das einander fremd gewordene Volk ſah ſich wieder einig in Freud und Leid**s), da es den gleichen Aus⸗
*) Man rede nicht über meine Ungerechtigkeit, die Franzoſen haben jenes Louis quatorziſche Weſen durch die Revolution ſelbſt vermaledeit. Ich hoffe nicht, daß wir nachahmungsſüchtige Deutſchen je desgleichen thun werden mit
unſern Leſſing, Klopſtock ꝛc, in deren Naturwüchſigkeit die neue und neueſte und zukünftige Zeit immer feſten Grund und Boden haben wird, von dem ſie ſich nie entfernen möge. *⸗) Wer davon läßt, dem bekommt es ſchlecht.— Göthe. *⸗⸗) Wie bewegt es ſelbſt den alten Göthe zu hören, daß eine herrliche, königliche Frau auf der hoffnungsloſen Flucht vor dem Sieger ſich tröſtet an dem Liede:„Wer nie ſein Brod mit Thränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf ſeinem Bette weinend ſaß, Der kennt euch nicht ihr himmliſchen Mächte!“ Und von dieſer himmliſchen Macht kam


