Druckschrift 
Über die Einführung unserer Jugend in die deutsche Literatur
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

dem König Carl II. in England ſagt ſein GeſchichtſchreiberEr habe nie etwas Unrechtes, Unſchick⸗ liches geſagt, und nie etwas Rechtes und Gutes gethan!!)

Faſſen wir nur genauer ins Auge, wen wir bilden ſollen, ſo haben wir längſt erkannt, daß wir weder eine gelehrte, noch eine handwerksmäßige Bildung zu geben haben. Was bleibt uns übrig, als ſie volksthümlich zu geben! Jede Schule, außer den ſpeciellen Berufsſchulen etwa, wenn ſie nicht volksthümlich iſt, hat kein Recht zu ſein! Das ganze Volk aber iſt als ein Ganzes zu betrachten, als ein in ſteter Progreſſion von unten nach oben zuſammenhängender Körper; es muß ſich ſtufenweiſe Stand an Stand anlehnen, ſo daß jeder immer in ſeine benachbarten an beiden Seiten hineinreicht und von ihnen auch wieder durchdrungen wird, was Bildung, Reichthum, Arbeit ꝛc. betrifft. Wo ſich aber etwa zwiſchen dieſen Ständen eine Kluft aufthäte zu weiter Trennung, wie zwiſchen einem polniſchen Magnaten und Leibeigenen, einem iriſchen Lord und Bettler, da iſt Ent⸗ 8 fremdung, Verachtung, Furcht, Neid und Haß das Unausbleibliche, Alles Unterwühlende. Gränzen nun die im Geſchäft, im Reichthum und Lebensgenuß neben einander liegenden Stände nicht auch in ihrer geiſtigen Bildung aneinander: ſo iſt die wahre Freiheit nicht möglich, denn materielle Berührung und Nachbarlichkeit, ohne geiſtige, ohne Gemeinſamkeit idealer Güter, idealer Beſtrebungen, iſt mehr entzweiend als verbindend. Leicht möchte ein Volk mit ſehr mäßiger Bildung glücklich, mächtig, frei und geehrt ſein, die Geſchichte bezeugt es; nimmer aber ein Volk, das da zerriſſen iſt in ſehr hoch gebildete verfeinerte Stände und in rohe, von aller Geiſtesgemeinſchaft mit den erſtern geſchiedene Parias. Die Einheit iſt aufgehoben, die Einigkeit unmöglich. Kaſtenartige Vereinzelung, feindliche Verachtung und Mißtrauen zerſtören es. Da kann keine Gemeinſamkeit, keine Vaterlandsliebe ſtatt finden. Alſo vom oberſten bis zum unterſten Stande muß ſich ein Gemeinſchaftliches an Sitten, Denk⸗Gefühls und Lebensweiſe ziehen, es muß von oben nach unten, von unten nach oben pulſtrend ſich bewegen, ſich nähern, fortentwickeln; das iſt das Nationale, das Angeborne und dieſes muß zu ſeiner Geltung kommen, ſeine Bedeutung muß gewürdigt, es muß ausgebildet, es muß das ideale Band werden, durch das vom Oberhaupte bis zum letzten Armen ein ſympathetiſches Gefühl der Einheit und Zuſammengehörigkeit lebendig erhalten wird.

Von dieſem Standpunkte aus wollen wir einmal einen Blick in die Vergangenheit und auf die Gegenwart thun, es wird dem, was wir wünſchen, Ueberzeugung und Geltung zu verſchaffen, geeignet ſein. Unſers Volkes Elend, ſein Herabſinken von ſeiner durch das ganze Mittelalter hindurch behaupteten Höhe beginnt innerlich ſeit der(mit der ſpaniſchen Herrſchaft) hereindringenden Fremdländerei in Sprache, Sitte ꝛc. äußerlich nach dem 30 jährigen Kriege, wo durch das Vorwalten des Franzöſiſchen dem deutſchen Lebenskern Nerv und Wurzel abgeſchnitten wurde. Hat ein Volk ſich in ſeinem geiſtigen Leben der Ausländerei ergeben, muß es wohl eine leidende, bloß aufnehmende, untergeordnete Rolle ſpielen, ſchöpferiſch kann es nur in der Mutterſprache ſein. Zur Nachahmung verdammt, kann ihm das höchſte Ziel nur eben ſein, daß es dem Lächerlichwerden entgeht; Ehrfurcht und Achtung wird es nicht mehr einflößen, und um ein Geſchlecht wird es immer zurück ſein müſſen. Nicht der materielle Verluſt, ſo groß er auch war, nicht der hat unſerer Volksehre die tiefſten Wunden geſchlagen, nein, die geiſtige Entmuthigung, die geringe Achtung, die der Deutſche vor ſich ſelber hegte, vor ſeinem geiſtigen, alſo edlern, menſchlichen, ſittlichen, vernünftigen Weſen. Dadurch wurde ihm jenes ängſtliche, pedantiſche, demüthige Weſen endlich natürlich, alles Selbſtvertrauen aber

2*