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eher und lieber würden wir aber dem großen Geiſte vergeben, daß er ſich in intellec⸗ tueller Hinſicht verirrt hätte. In beiden Fällen brauchten die ganzen Werke nicht für die Schule verworfen zu werden; man könnte weglaſſen, könnte belehren und warnen. Hier iſt aber weder von einem Verſehen, noch von einem Irrthume die Rede, ſondern von den Grundideen, die in den Hauptwerken durchgeführt und dargeſtellt ſind. Was iſt jenes, jetzt dreitheilige, geprieſene Werk, das den Titel„Agathon“ fuͤhrt, als ein hoͤchſt anſchauliches und künſtliches Gewebe von Sinnenluſt, die nichts höheres kennt, als ſich ſelber, und alſo von allem höheren Bedürfniſſe ſich frei zu erhalten ſucht? Welche andere lebendige Idee bewegte den Dichter im Oberon, wenn's nicht jener Luſtſchwindel ſein ſoll? Win erinnern noch an Cloͤlia und Sinibald, ein anderes län⸗ geres Gedicht, wo gar die einzelnen Ausdrücke nur Zeugen gegen den Dichter ſind. Da mag der Mann den Künſtler, den Dichter von dem Menſchen unterſcheiden; die Jugend kann es nicht. Wer Eine Idee leichtſinnig zu faſſen wagte, der ſteht nun an der zweiten. Iſt es nicht Wieland geweſen, der die anerkannt ſchlechten und abſcheu⸗ lichen Weiber aus der erſten Zeit des altrömiſchen Kaiſerreiches gegen alle Gewißheit, welche die Hiſtorie geben kann, rein zu brennen unternommen hat? Das Böſe wird beſchö⸗ nigt, d. i. als rein dargeſtellt; welches Beiſpiel für die Jugend! Wiederum, wer hat jenen Kaiſer, den man als Auguſtus verehrte, jenen Kaiſer, welcher mit den Geſetzen Ruhe und Ordnung, Sicherheit der Perſon und des Eigenthums in dem verderbten Staate her⸗ ſtellte, der ſtreng auf Tugend und Keuſchheit hielt und der talentvollſten Männer, der eigenen Familie bei Vergehen nicht ſchonte; wer hat jenen Kaiſer ſo ſchmählich geläſtert, daß er nun faſt in allen Geſchichtswerken gebrandmarkt iſt? Der Mann muß beur⸗ theilt werden, wo er frei handeln konnte; wo giebt Auguſt nach Überwindung ſeiner ſchlechten Gegner Anlaß zu einer Verachtung? Da iſt nichts zu finden und nun muß das unſchuldige, freudige Wort, das er mit ſterbender Zunge ſeinen Lieben ſagte, ver⸗ dreht werden. In dieſer Außerung des Auguſtus(Ecquid iis videretur mimum vitae&c.) ſagt Bremi(zu Sueton's Ortavianus C. 99.) liegt viel Herzensgüte und das frohe Bewußtſein, auf dem Schauplatze des Lebens ſeine Rolle nicht übel geſpielt


