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auffaſſe: ſo ſind wir von der alten Regel, daß man beim Leſen nicht nach dem„Quis 2, ſondern nach dem„QAuid 2« allein zu fragen habe, ſcheinbar abgewichen⸗ Scheinbar; denn auch wir ſind entſchiedene Feinde eines unvernünftigen Autoritäts⸗ Glaubens(dagegen iſt der alte Kernſpruch gerichtet), wiewohl unſer Satz in ſeiner ganzen Ausdehnung überall beſtehen muß.
F. 16. Jeder große Schriftſteller hat einige Grundideen, die das Weſen ſeines Geiſtes ausmachen. Dieſe Ideen ſcheinen überall durch ſeine Werke durch; er ſtellt ſie auf die mannigfaltigſte Weiſe dar. Dieſe Grundideen ſind der fruchtbare Boden, auf welchem der große Mann die herrlichen Früchte ziehen konnte, die wir bewundern. Hielten wir uns immer auf dieſem Standpunkte, wenn wir über Schriftſteller zu rich⸗ ten haben: ſo wuͤrde unſer Urtheil, beſonders was die Wahl der Schriftſteller für die Lectuͤre in Schulen betrifft, viel ſich'rer und beſtimmter ſein. Ich will ein paar ſolche Urtheile geben; zuerſt uͤber Gellert. Es iſt das Weſen ſeiner Seele ausgedrückt, wenn wir ſagen, auf der Tafel ſeines reinen Herzens ſtand geſchrieben:„Herr! ich erkenne daß du heilig biſt; ich ſelbſt muß heilig werden. Herr! ich vertraue auf deine Gnade.“ Dieſes Herz ſpiegelt er in ſeinen Fabeln, ſeinen Liedern, in allen ſeinen Ge⸗ dichten ab; dieſe Lehre macht er fruchtbar durch ſeine Vorleſungen und Briefe und alle ſeine proſaiſchen Aufſätze. Nichts kann uns die Überzengung wieder wankend machen, nachdem wir ſie durch alle ſeine Werke gewonnen haben, unter denen ſich keines findet, zu welchem jener Satz nicht den Anlaß gab, deſſen Anfang, Mitte und Ende er nicht ausmacht. An einen ſolchen Mann ſoll ſich die Ingend freundlich an⸗ ſchließen, ſich durch ihn bilden, ihn alſo recht vollſtändig kennen zu lernen ſuchen. In⸗ nig vertraut müſſe ſie werden mit der edelen Einfalt ſeines Herzens und ſeines Aus⸗ druckes, der Harmonie aller ſeiner Beſtrebungen, dem reinen erwärmenden Sinne für das Rechte, Gute und Schöne. Iſt Gellert gleich kein Original⸗Schrifeſteller; ſo hat er ſich doch ſelbſt begriffen, hat gewußt, was er wollte und konnte, hat ſeinen Geiſt durch die chriſtlichen Offenbarungen, durch Gelehrſamkeit, freilich großentheils fran⸗


