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Wie sind auf Gymnasien neuhochdeutsche Classiker zu lesen? / beantwortet von dem Oberlehrer K. Richter
Entstehung
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33.

F. 14.

Mit dem Leſen iſt das Declamiren in der Regel zu verbinden. Die richtige De⸗ clamation erfordert ſchärfere Aufmeckſamkeit auf den Sinn der Worte und befördert durch den nachdrucksvolleren Ton die innigere Auffaſſung. Iſt das Stück dem Inhalte nach für die Jugend ſehr beherzigungswerth; enthält es eine ausgezeichnete Darſtellung von Gedanken, die fürs ganze Leben wichtig ſind: ſo kann man mit dem declamatoriſchen Leſen nicht zufrieden ſein; das Stück, der Abſchnitt, die Stelle muß auswendig ge⸗ lernt und mehrmals aus dem Gedächtniſſe frei declamirt werden. So wird ein Fonds werthvoller Gedanken und Empfindungen entſtehn, aus welchem der Jüngling und ſpäter der Mann bei den mannigfaltigen Vorfällen des Lebens Geiſt und Herz ſtärken und laben mag.

F. 15.

Man kann den Schriftſteller in dem Werke, man kann auch die Schrift als ſolche, ohne Berückſichtigung des Schriftſtellers auffaſſen. So ſagten wir zu Ende des àA.§. Wir verſtehen es nämlich leichter, ſicherer, vollkommener, wenn ein Bekannter, als wenn ein Fremder etwas geſagt hat. Zeitalter, Begebniſſe im Leben, Stand oder Amt, Religion und Sitten wirken auf Kraft und Bedeutung der Worte eines Schrift⸗ ſtellers, geben Aufſchluß über die Entſtehung des Schriftwerkes. Um die Schrift voll⸗ kommen zu faſſen, muß man den Schriftſteller vorher kennen und dieſe Kenntniß bei der Lectüre benutzen. Wie außerordentlich viel hat Göthe durch die Bekenntniſſeaus ſeinem Leben dazu beigetragen, daß ſeine Werke vollkommener verſtanden und be⸗ griffen werden! Und ſomit iſt außer der jedesmaligen Veranlaſſung und dem beſon⸗ deren Zwecke eines Werkes auch noch die Lebensbeſchreibung des Schriftſtellers der Lectüre vorauszuſchicken. Wenn wir in dieſem§. fordern, daß man den Schriftſteller in dem Werke, nicht die Schrift als ſolche, ohne Berückſichtigung des Schriftſtellers

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