iſt nur die erſte Behauptung Cicero's, daß die Regeln der Rhetoriker den Redner leiten könnten, wiewohl ſie immer gleichgültig blieben. Das Leſen iſt auch der natürlichſte Weg zur Rhetorik und Poetik; es iſt ja ehen der Weg, der die Menſchen zuerſt zur Redekunſt als Kunſt führte. Wir überlaſſen es hierbei dem geneigten Leſer, das, was von der Dichtkunſt geſagt werden ſoll, auch auf die ganze Redelehre anzuwenden. Wie vorher gezeigt iſt, waren die Reden und Gedichte fruͤher, als die Redekünſte. Damals nun merkte man darauf, warum einige Gedichte gefielen, andere mißfielen, oder vielmehr, was an einem Gedichte gefiel, an einem anderen mißfiel. Das Eine wurde getadelt, das Andere geprieſen. Je ſorg⸗ fältiger und je öſter dieſe Beobachtung angeſtellt wurde, deſto mehr einzelne Bemer⸗ kungen konnten zuſammengebracht, verglichen und geordnet werden. Das Gleichartige wurde zuſammengefaßt, es entſtand ein Ganzes, eine Kunſt, die Poetik heißt. So lange bleibt aber die Kunſt ganz empiriſch, und der Werth der Regel hängt von der Vortrefflichkeit der betrachteten Werke ab. Da der menſchliche Geiſt nun weiter dringt, ſich ſelbſt erforſchen und begreifen will: ſo muß er die tiefere Begründung der Kunſt in ſeiner eigenen Natur aufſuchen, und ſich Rechenſchaft über Hervorbringung und Benrtheilung der Kunſtwerke geben. So entſtehen Verſuche einer Theorie der Kunſt, einer Kunſtlehre. Und das iſt ein recht edeles Studium der Kunſt, das von allem Vortheile, zu welchem es als Mittel diente, abſtrahirt und ſich ſelbſt Zweck wird. Wer nach vollkommener Bildung ſtrebt, der kann nicht mit empiriſcher Kenntniß der Kunſt zufrieden ſein; und darum muß der Gymnaſeaſt(als Schuüler ulenhuener Bil⸗ dung) in den oberen Claſſen die Redelehre ſtudiren. * Wenn F. A. Wolf im Muſeum der Alterthums⸗Wiſſenſchaft Thl. I. S. 44. ſagt, die Alten hätten durch ihre rexras und artes nur wirkliche Redner und Dichter gebildet: ſo ſteht das, glaube ich, der gegebenen Interpretation nicht entgegen. Frei⸗ lich haben die Alten keine ſolche ganze Theorien gehabt, aber ſie haben dieſelben, wie Cicero an vielen Stellen, wo er vom Ideale eines Redners und dem Weſen der Kunſt ſpricht, ſehr treffend geahnet. Hieher rechne ich auch die erörterte Stelle, und kann nicht anders, wenn Cicero ſich nicht in dieſer Stelle ſelber widerſprechen ſoll.


