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Michael Neander's pädagogische Erfahrungen und Grundsätze, nach einer Handschrift der Ilfelder Klosterbibliothek / herausgegeben von Dr. R. Müller
Entstehung
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allein dahero der Schularbeit müde werden, das die Discipuli ſo böſe, ſo mutwillig, und daher wenige Schulmeiſter in den ſchulen lange bleiben und darinnen alt begeren zu werden, auch feine treffliche gelehrte Leutte, ſo herliche ſchöne dona, die Jugendt zu unterweyſen weder in Schulen noch in Academien ſich beſtellen wollen laſſen der böſen ungehaltenen Jugendt halber, ſondern begeben ſich auf facultates, oder werden Theologi und Superintendentes, das ſie alſo in Schulen über die große Schularbeit der unluſt mit der böſen Jugendt nicht haben dürffen, das wohl entlichen an guten Schulmeiſtern und professoribus in Academiis alleine der unge⸗ haltenen Jugendt halben mangel ſein wil, dieweil ſie ihr gar nicht wehren leſt, ja auch wol durch ſtraffe nicht beſſer, ſondern viel erger wirdt. Und iſt eine beſondere gab und geſchick⸗ lichkeit die Jugendt ſo regieren und fhüren können, das ſie etwas ſtudiren, mit der Zeit, wen ſie ausgetollet(Semel insanimus omnes) feine leut werden, und gleichwol auch, weil ſie in scholis ſtudiren in mediocri offic'o bleiben. Da uus beides mit beſcheidenheit gebraucht wer⸗ den, gute wort und ſtraffe, da mus man aber nicht alles wollen wiſſen, hören, ſehen, ſondern nach gelegenheit diſſimuliren, dem alten ſpruch nach: Nescit regnare, qui nescit dissimulare), item, persuasione cape, non vi. Ac inter Grammatici virtutes est, ſagt Quintilianus, ein alter Schulmeiſter zu Rhom, quaedam nescire et ignorare**). Dieſen Proceß hab ich vor⸗ nemlich, weil ich der Jugendt über die 40 jhar gedienet, gefolget, und ob ich wol auch die böſen incarceriret, in die Eyſen geſchlagen, aus der Schul ſie dimittirt habe, ſo hab ich doch mit guten worten, vielem anhalten, mit verhorchen, dulden und leyden viel mehr ausgerichtet und mehr nutz auf ſolche weyſe geſchafft, viel gelehrte Discipulos gemacht, ſo Ilefeldt rhümen und der herſchaft Stolbergk dafür dancken. Und wer nicht leyden kan und zu Zeitten ſchweigen, der wird bey erwachſener Jugendt wenig ſchaffen, ohn unterlas mit ihn kiefen und zanken und wenig erhalten und ausrichten. Consilio melius vincas quam iracundia ſagte der alte weiſe Publius***), und würde ſeine dieſe weyſe lehre, dieſer ſeiner ſpruch nicht ſo von weyſen leuten gelobet und ſo offt citiret, geſchrieben und gedrucket werden, wen er nicht lobenßwehrdt und etwas böſes und unnötiges zeigete und lehrete. Errat mea quidem sententia, ſagt jener apud comicum), qui imperium firmius putat et stabilius vi quod fit, quam quod amicitia adjungitur.

*) Bekanntlich der Wahlſpruch des Kaiſers Friedrich III. e) Quint. I. cap. 13. 222) Publ. Syr. Sent., v. 78.

) Micio in den Adelphen des Terenz, v. 40.