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Michael Neander's pädagogische Erfahrungen und Grundsätze, nach einer Handschrift der Ilfelder Klosterbibliothek / herausgegeben von Dr. R. Müller
Entstehung
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VIII

gegentritt, im allgemeinen ein ſehr düſtres und unerfreuliches. Und wenn man auch einräumt, daß der Zweck ſeiner Schrift es mit ſich brachte, daß grade die Uebelſtände an andern Anſtalten ſtark hervorgehoben werden mußten, um ſeine eigene Wirkſamkeit in deſto ſchärferem Contraſte erſcheinen zu laſſen, ſo verräth doch ſchon der ruhige und gleichgültige Ton, womit ſelbſt die ärgſten Vorfälle erzählt werden, wie wenig ſie zu den Ausnahmen gehörten. Und doch ſind es nicht blos Ausbrüche jugendlicher Thorheit und Muthwillens, die uns mitgetheilt werden, ſondern vielfach Züge von ſolcher innern Roheit, ja von ſo bitterm und tödtlichem Haſſe, daß das Verhältniß zwiſchen Lehrenden und Lernenden als ein unausgeſetzter Kriegszuſtand erſcheint, und man jene vielgerühmtegute alte Zeit in dieſer Beziehung, wie freilich auch in vielen andern, recht eigentlich als eine böſe alte Zeit bezeichnen muß.

Um ſo angenehmer und wohlthuender iſt nun allerdings der Eindruck, den wir von Ne⸗ ander ſelbſt und dem Verhältniſſe zu ſeinen Schülern bekommen. Mit welcher ängſtlichen Sorg⸗ falt warnt er den Jüngling, in deſſen trotzigem und hochmüthigem Sinne er ſchon die Keime ſchlimmer Thaten erkennt, wie wahrhaft rührend iſt ſeine Pein und Noth, wenn er eine junge Seele bereits in den Verſtrickungen des Teufels erblickt, wie innig ſeine Freude an jedem ſich entwickelnden Talente, wie herzlich ſeine Theilnahme an den ſpäteren Schickſalen ſeiner Schü⸗ ler, wie groß ſeine Empfänglichkeit für jedes Zeichen der Dankbarkeit von Seiten derſelben, wie bewunderungswürdig endlich ſeine Menſchenkenntniß und ſein praktiſcher Blick in der Be⸗ handlung der Jugend, ſo daß jeder, der auch nur einigermaßen mit dem Weſen und Geiſte von Kloſterſchulen bekannt iſt, trotz der ſo veränderten Zeiten auch heute noch die von ihm aufge⸗ ſtellten Grundſätze unterſchreiben würde. Neben ſo hervorragenden Tugenden und Vorzügen würde es thöricht ſein, die Fehler und Schwächen zu verdecken oder abzuleugnen, die auch dem oberflächlichen Leſer leicht in die Augen ſpringen. Aber wer wird es bei einem ſolchen Mann nicht nachſichtig beurtheilen, wenn neben der ſchlichten und ungeheuchelten Frömmigkeit, die ein Grundzug ſeines Charakters iſt, ein allerdings craſſer Aberglauben mitläuft, wenn neben dem ſichern und ſtolzen Selbſtbewußtſein, das aus dem Gefühle ſo vieler überwundener Ge⸗ fahren und Hinderniſſe hervorgeht, ein gewiſſes Haſchen nach Lob und Anerkennung ſich gel⸗ tend macht? Sind dies doch mindeſtens eben ſo ſehr Fehler jenes ganzen Zeitraums, als ſeines eigenen Weſens.

Was nun die Form unſrer Schrift anlangt, ſo theilt ſie im reichſten Maße die Män⸗ gel, die Neander's deutſchen Werken überhaupt eigen ſind. Der Satzbau iſt unbeholfen und verwirrt, die Darſtellung hart und weitſchweifig, jedoch oft ſinnlich und treffend und in jenem naiven und treuherzigen Ton gehalten, der mit vielen ſonſtigen Fehlern verſöhnt, die Schreib⸗ weiſe der Wörter aber und der Gebrauch der großen Anfangsbuchſtaben ſo überaus inconſe⸗ quent, daß man verſucht wäre, dieſe Ungenauigkeiten einem nachläſſigen Abſchreiber anzurechnen, wenn nicht ein Blick in die gedruckten Schriften Neander's und ſeiner Zeitgenoſſen uns eines Andern belehrten. So leicht nun auch die Aufgabe geweſen wäre, die Schrift mehr in Ueber⸗ einſtimmung mit unſrer heutigen Darſtellungs⸗ und Schreibweiſe zu bringen, und ſo ſehr ſie dadurch an Lesbarkeit gewonnen haben würde, ſo habe ich doch geglaubt, ſie mit allen