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Michael Neander's pädagogische Erfahrungen und Grundsätze, nach einer Handschrift der Ilfelder Klosterbibliothek / herausgegeben von Dr. R. Müller
Entstehung
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befördert zu werden ſchien: erbietet er ſich doch, nachdem er ſchon zwei Jahre keinen Gehalt empfangen, bei des Kloſters Armuth und Unvermögen unentgeltlich ſein Autt fortzuführen*). Als er aber zu ſeinem bitterſten Leidweſen erkennen mußte, daß alle Vorſtellungen und Klagen ohne den mindeſten Erfolg blieben, da wandte er ſich endlich(ums Jahr 1588), wenn auch mit ſchwerem Herzen, andas Braunſchweigiſche Conſiſtorium mit der Bitte um landesherr⸗ lichen Schutz und Beiſtand. Erreichte er nun auch durch dieſen Schritt, daß den maßloſen Uebergriffen der Grafen zu Stolberg wenigſtens zeitweilig Schranken geſetzt wurden*), ſo wurde doch ſein Verhältniß zu dieſen natürlich nur noch geſpannter. Am Hofe zu Stolberg hörte man nur zu bereitwillig auf alle Neider und Ankläger Neander's, und hatte man ſich früher begnügt, ſeine Verwaltung der Kloſtergüter zu tadeln und ihm die mannichfaltigſten Schwie⸗ rigkeiten zu bereiten, ſo ſcheute man ſich jetzt nicht, auch ſeine pädogogiſche Wirkſamkeit auf die ſchonungsloſeſte und gehäſſigſte Weiſe anzugreifen.Was Neander, heißt es in des V. My⸗ lius Leichenpredigt,in des Kloſters und der Schulen verwaltung vor unzehlige Mühe und Arbeit allerſeits gehabt: was er vor unwillen, Feindſchaft, Haß, Neid, Zorn und widerwertig⸗ keit von hohen und niedern Perſonen deſſenhalben erfahren und getragen, kann man nicht genug erzehlen.

Gegen einen derartigen Angriff ſich zu vertheidigen und ſein Verfahren bei der Leitung der ihm anvertrauten Schule zu rechtfertigen, das iſt der Zweck der vermuthlich im Jahre 1588**) abgefaßten nachfolgenden Schrift Neander's. Mit großer Klugheit weiß er zugleich den Grafen zu Stolberg zu Gemüthe zu führen, wie ſehr auch ihre Ehre an dem Fortbeſtand und Gedeihen der Kloſterſchule betheiligt ſei.

Ganz abgeſehen nun von dem Intereſſe, das es haben muß, die pädagogiſchen Grundſätze und Erfahrungen des Mannes kennen zu lernen, der nicht blos die Ilfelder Kloſterſchule that⸗ ſächlich begründete, ſondern ihr auch im Gegenſatz zu den meiſten Anſtalten ähnlicher Art, jenen humanen und liberalen Character aufprägte, den ſie unter allen innern und äußern Wirren und Stürmen im Großen und Ganzen durch drei Jahrhunderte bewahrt hat, ſo liefert ſie uns auch trotz ihres geringen Umfangs ein ſo vollſtändiges Bild ihres Verfaſſers mit allen ſeinen Tugenden und Schwächen, und enthält ſo viele für die Sittengeſchichte jener Zeit wich⸗ tige Züge, daß ihre Veröffentlichung um ſo mehr gerechtfertigt erſcheint, als von den Biogra⸗ phen Neander's nur Klippel(deutſche Lebens⸗ und Charakterbilder, Bd. 1. p. 128) ſie benutzt hat, während ſie Volborth(Cobſchrift auf Neander) und Havemann(Mittheilungen aus d. Leben Neander's) ganz unbekannt geweſen zu ſein ſcheint.

Freilich iſt das Bild des Schullebens, wie es uns in den Schilderungen Neanders ent⸗

) Vgl. auch Klippel d. Lebensb. p. 134.

**) Freilich wurden die höchſt verwickelten Verhältniſſe damals ſo wenig aufs Klare gebracht, daß ein weites Feld zu Reibungen und Streitigkeiten zwiſchen den Herzögen von Braunſchweig und den Grafen zu Stolberg offen blieb. Endgültig wurde die Sache erſt 1823 geordnet.

4**) Beſtimmt fällt ſie zwiſchen 1584 und 1591, wie ſich aus der Bemerkung über L. Rhodomannus ergiebt. S. u. p. 14.